Page - 218 - in Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur - 1618–1918
Image of the Page - 218 -
Text of the Page - 218 -
218 Sektion II: Herrscher, Staat, Nation
tet werden und war für Militärbauten in der Reichshauptstadt wie vor Ort bereits
etabliert. Dieses Gestaltungskonzept wurde nicht etwa vom Zentrum der Peripherie
‚aufoktroyiert‘, sondern entstand im Zusammenwirken ziviler Akteure und Militärs
unterschiedlicher Ebenen: Die Interessen der als Bauherrin auftretenden Kommune,
der an einer Modernisierung des Stadtzentrums ebenso gelegen war wie an einer
rentablen zivilen Nutzung nach dem Auslaufen der vom Reichskriegsministerium ge-
gebenen Mietgarantie, fanden in der Orientierung am großstätischen Zinshaustypus
der Arkadenhäuser in ‚Neuwien‘ Berücksichtigung. Im Fall des Korpskommandoge-
bäudes, das zugleich das k. u. k. Militär als Repräsentant von Gesamtmonarchie und
Dynastie der ‚Peripherie‘ präsentierte und den Repräsentanten der ‚Peripherie‘ eine
Möglichkeit gab, dem Zentrum gegenüber ihre Loyalität zum Ausdruck bringen,
verschwimmen die Grenzen zwischen Sender und Empfänger, Repräsentierendem
und Repräsentiertem.
Wesentlich weniger komplex war die Lage im Fall der 1902–1904 errichteten Re-
sidenz des Korpskommandanten (damals General Emil Edler Proszt von Ohstorff)46,
der ein abschließender kurzer Ausblick gewidmet sein soll: Dieser Bau, der von der
Militärbauabteilung des 12. Korps ohne Beteiligung der Stadt in Auftrag gegeben
wurde, hatte allein den höchsten Repräsentanten des kaiserlichen Oberbefehls in
Siebenbürgen zu repräsentieren (Abb. 7–8). Bei dem zur Ausführung gekommenen
Entwurf handelt es sich um das „gründlich umgearbeitete“ Siegerprojekt eines ge-
schlossenen Wettbewerbs, zu dem u. a. die Planfertiger Ernst Lindner47 und Theodor
Schieder eingeladen worden waren.48 Die beiden Wiener Architekten, zwei Schüler
Karl Königs, des Entwerfers des Philipp-Hofs, lösten diese Aufgabe durch die Wahl
des „Wiener Barock“, wie es in der Zeitschrift Der Bautechniker hieß.49
Tatsächlich wurden zeitgenössische Lösungen aus dem repräsentativen neobaro-
cken Wohnhausbau in Wien recht ungefiltert in die ‚Peripherie‘ transferiert und mit
dekorativen Bezügen zu hochrangigen Wiener Palais des späten 17. und 18. Jahr-
hunderts angereichert. Baumassenkomposition und Gliederungsstruktur des freiste-
henden, über rechteckigem Grundriss errichteten zweigeschossigen Hauptbaus mit
seiner durch einen Mittelpavillon und ebensolche Seitenrisalite akzentuierten Stra-
ßenfassade sind vom Palais des Baron Albert de Rothschild inspiriert, das der Pariser
Architekt Hippolyte Destailleur 1876 nach dem Vorbild französischer Bauten des
17. Jahrhunderts kreierte.50 Das Korpskommandantenpalais macht sich die repräsen-
tative Eleganz des Palais zunutze, verschleiert dies jedoch insofern, als französische
Formen und Motive wie die hohen Dachaufbauten des Wiener Baus in Hermann-
stadt fehlen. Bei der näheren Ausgestaltung standen stattdessen Wiener Bauten Jo-
hann Bernhard Fischer von Erlachs und Johann Lucas von Hildebrandts Pate, au-
ßerdem der Kreuzherrenhof, das Provinzialhaus des Prager Kreuzherrenordens hinter
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918