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Sektion III: Netzwerke 227
durchaus repetitiven Erwähnung der Aktivitäten eines Tages (Aufstehen, Messbesuch,
Beratungen, aber auch Jagdausflüge und Festlichkeiten) entsteht rasch der Eindruck,
dass Karl VI. seine Tagebücher in erster Linie als Rechenschaftsbericht gegenüber
sich selbst bzw. einer innerfamiliären Leserschaft verstand und darum bemüht war,
sich als arbeitsamen und pflichtbewussten Monarchen darzustellen.
Trotz dieser bewusst ‚gesteuerten‘ inhaltlichen Ausrichtung lassen die Tagebü-
cher aber auch Rückschlüsse auf die Netzwerke des Kaisers zu – auf jene Perso-
nen bzw. Vertrauten, mit denen sich Karl VI. umgab und austauschte, die in der
persönlichen Interaktion somit (vor allem politisch) ihren Einfluss geltend machen
konnten. In Hinblick auf die repräsentative Inszenierung des Monarchen in der
bildenden Kunst, Architektur und Musik sind die kaiserlichen Aufzeichnungen da-
gegen wenig ergiebig. Obwohl sich die zentrale Residenz des Kaisers, die Wiener
Hofburg, im Betrachtungszeitraum 1720–1725 als Großbaustelle präsentierte (Bau
der Österreichischen Hofkanzlei, Hofstallungen, Hofbibliothek und Reichskanzlei),
bleiben diese baulichen Aktivitäten im direkten Umfeld Karls VI. genauso wie die
aus führenden Künstler unerwähnt. Musikalische Darbietungen und Opernauffüh-
rungen kommentierte der Kaiser zumindest mit kurzen Hinweisen, aus denen sich –
wenn auch kein wertendes Urteil – doch ein generelles Wohlwollen oder Missfallen
ableiten lässt.
Erweiterte Netzwerke
Zu untersuchen ist zudem die konzentrische Ausbreitung höfischer Netzwerke. Dies
kann einerseits grundsätzlich die weitreichenden Verbindungen innerhalb eines ab-
solutistisch regierten Herrschaftsgebiets zeigen, andererseits die Dynamiken von
zentraler Distribution von Repräsentation und peripherer Imitation derselben (die
‚Sonderwege‘ nicht ausschließt). In ihrer Komplexität sind die Netzwerke der Diplo-
matie diesbezüglich besonders indikativ, musste doch die ästhetische Vertretung des
Souveräns im Ausland, vollzogen durch den Botschafter und sein Agieren, eine Ba-
lance der ‚individuellen‘ Repräsentation des vertretenen Herrschers, internationaler
Konventionen und der Befriedigung lokaler Erwartungshaltungen finden.
Unter besonderer Beobachtung standen hier die kaiserlichen Gesandten am päpst-
lichen Hof, deren Posten in der ‚Ewigen Stadt‘ zwar prestigeträchtig war, sich aber
überaus kostspielig gestaltete und daher nicht zu den begehrten Ämtern des Wiener
Hofs zählte. Martin Krummholz beleuchtet in seinem Beitrag Habsburgische Propa-
ganda des kaiserlichen Botschafters am päpstlichen Hof am Beispiel des Gesandten Johann
Wenzel von Gallas (1714–1719) die Repräsentationspflichten und die damit verbun-
denen enormen finanziellen Aufwendungen, die diese Position notwendig machte,
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918