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228 Sektion III: Netzwerke
denn der Gesandte stellte nicht nur die körperliche, sondern auch symbolische Ver-
tretung seines Souveräns dar, der es mit den Mitteln visueller Propaganda Rechnung
zu tragen galt.
Johann Wenzel Graf Gallas trat seinen neuen Posten im Frühjahr 1714 in der
politisch angespannten Situation am Ende des Spanischen Erbfolgekriegs an. Von
Wiener Seite wurde daher darauf gedrängt, dass der neue Botschafter rasch in eine
verhandlungsfähige Position in Rom gelangte. Dafür ausschlaggebend war u. a. der
‚öffentliche Einzug‘ in die Stadt, und für Erfolg oder Misserfolg dieses ersten öffent-
lichen Auftritts eines Botschafters (den das römische Publikum aufmerksam beobach-
tete und kommentierte) war ausschließlich die Prachtentfaltung des Wagenkonvois
ausschlaggebend, d. h. der Prunk der Paradekutschen und die Zahl der teilnehmen-
den Wagen. Wenige Tage nach diesem feierlichen Ingresso fand im Quirinalspalast die
Antrittsaudienz des Botschafters beim Papst statt; ab diesem Zeitpunkt waren Gallas
ausnahmslos alle Ehren des diplomatischen Zeremoniells zu erweisen. Weiteren Re-
putationsgewinn konnte ein Gesandter sowohl durch Lage und Ausstattung seines
Wohnsitzes als auch durch die Abhaltung pompöser Festlichkeiten erlangen. Gerade
diese Spektakel mit ihren ephemeren Dekorationen, eigens komponierten Kantaten
und aufwendig arrangierten Illuminationen boten die Gelegenheit, propagandistisch
im Sinne des Kaiserhauses wirken zu können.
Fest und Zeremoniell
So ist die Verdichtung höfischer Netzwerke und ihrer repräsentativen Funktion, ob
im Zentrum oder in der Peripherie, im „Ausnahmezustand“4 des Fests bzw. der fest-
lichen Zeremonie5 zu erblicken. Repräsentation lässt sich hier zweifach beschreiben:
Zum einen sind die theatralischen Inszenierungen, die der Formation des Hofs zu
diesen Anlässen vorgeführt werden (vor allem die der Oper und des Balletts), meta-
phorisch-allegorischer-personifizierender Natur. Andererseits ist die festliche Ver-
sammlung selbst eine Visualisierung herrschaftlicher Ordnung, die durch die phy-
sischen Körper des Hofs vollzogen wird. Es ist dies der Akt eines „lebenden Bilds“,
eines schematischen Bildakts6 – mit dem Unterschied, dass hier Signifikate und
Signi fikanten zusammenfallen und dass die höfischen Körper ein imaginäres, nicht
manifestes Bild ‚verlebendigen‘. Höfisches Fest und Zeremoniell stellen somit ein
außergewöhnliches Ineinandergreifen von Körper-, Bild- und Klang-Politik dar.
Jana Perutková konzentriert sich in ihrem Beitrag Von der mährischen Aristokratie
in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts veranstaltete musikdramatische Aufführungen
als Spiegel musikalischer Feste am Wiener Kaiserhof auf die (neuesten Forschungsergeb-
nissen zufolge) in Musikfragen weitgehend homogen agierende Gruppe des mähri-
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918