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278 Sektion III: Netzwerke
Die Feste
Die adäquate kaiserliche Repräsentation und die pro-habsburgische Propaganda spie-
geln sich nicht nur in der Gestaltung und Ausschmückung der Paradekutschen, son-
dern auch in der Ikonographie der ephemeren Architekturen, die der Botschafter an-
lässlich der obligatorischen Feierlichkeiten der aus Wien importierten ‚Galatage‘ (am
28. August der Geburtstag der Kaiserin, am 4. November der Namenstag des Kai-
sers), der gewöhnlichen Kirchenfeste und der bedeutendsten militärischen Triumphe
bestellte. Bei solchen Gelegenheiten fertigten herausragende römische Architekten
die Festdekorationen für die Fassaden sowie die Interieurs der Residenz und/oder
der Nationalkirche; führende Komponisten lieferten die Festkantaten bzw. Serena-
den, deren Sujets und Botschaften dieselben Zwecke verfolgten: Die Verherrlichung
des Kaiserhauses, dessen Machtansprüchen sowie der Tugenden seiner Angehörigen.
Diese großartig arrangierten Spektakel unterlagen dem damals völlig selbstverständ-
lichen, einheitlichen Konzept dynastischer Propaganda. Immer wiederkehrende sym-
bolträchtige Elemente und Motive (kaiserlicher Adler, die Figur des Herkules u. a.)
zierten nicht nur ephemere Architekturen, Gemälde, Skulpturen und Kutschen, son-
dern auch Tischdekorationen und die beliebten ‚Schauessen‘, Feuerwerke sowie Li-
bretti und Musik. Anlässlich größerer Feierlichkeiten dekorierte man die Fassade der
Deutschen Nationalkirche Santa Maria dell’Anima – eventuell auch jene der Spani-
schen Nationalkirche San Giacomo, der Lombardischen Nationalkirche Santi Carlo
e Ambroggio oder der Patronatskirche des Kardinals Schrattenbach San Marcello al
Corso – mit ephemeren Kulissen, Tapisserien, Bildern, silbernen Gefäßen, Blumen
und Beleuchtungen. Als Gegenstück zu öffentlichen Spektakeln, Illuminationen,
Feuerwerken und Weinfontänen wurden die Festmähler (rinfreschi oder banchetti)
im Palazzo mit musikalischen Aufführungen und nachfolgenden Bällen gefeiert. Die
Festtafeln dekorierte man mit beliebten trionfi (da tavola) oder sogenannten ‚Schau-
essen‘ (aus Zucker, Pudding, kandiertem oder gefrorenem Obst geformten essbaren
Skulpturen, die natürlich der gewohnten Ikonographie entsprachen). Während sich
die früheren kaiserlichen Botschafter (Liechtenstein, Martinitz, Lamberg, Grimani)
an den berühmtesten römischen Architekten Carlo Fontana (1638–1714) gewandt
hatten, musste Gallas den weniger bekannten Architekten Giovanni Battista Contini
(1642–1723) und dessen Sohn Giulio für seine Vorhaben wählen. Der Ruhm solcher
Veranstaltungen wurde mittels Berichten und gedruckten Medien über die Grenzen
Roms und Italiens verbreitet.
Im Frühling 1716 verließ Johann Wenzel Gallas „auf einige Monath“ Rom und
verweilte länger als ein Jahr in Böhmen und Wien,54 wo am 3. Juli sein einflussreicher
Schwiegervater Philipp Sigismund Graf von Dietrichstein (1651–1716) starb. Am
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918