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Musikdramatische Aufführungen als Spiegel musikalischer Feste am Wiener Kaiserhof 285
schen Adeligen, dass sie sich im Winter meist in Brünn aufhielten, dem Sitz der Lan-
desbehörden, die Sommermonate aber großteils auf ihren Landsitzen verbrachten,
wo sie sich gegenseitig besuchten oder einander bei verschiedenen Unterhaltungen
trafen. Sehr oft organisierten sie auch musikdramatische Veranstaltungen (Opern,
Serenaten, Komödien), bei denen sie manchmal selbst auftraten. Vor allem ab den
1730er-Jahren haben sich die Kontakte zwischen den musikliebenden Adeligen in
Mähren intensiviert, wobei Jarmeritz, eine kleinere Stadt in Südmähren und Haupt-
sitz des Grafen Johann Adam von Questenberg (1678–1752), eine zentrale Rolle in
dieser mährischen Adelskultur spielte.
Einen interessanten Beleg für die Musikkultur in Jarmeritz bietet ein Brief von
Johann Nepomuk Graf von Ugarte aus dem Jahr 1739, in dem er über die eine ganze
Woche [!] andauernden Feierlichkeiten anlässlich des Namenstags von Questenbergs
Gattin Maria Antonia (geb. Kaunitz) schrieb. Diese Dauer einer Namenstagsfeier wäre
selbst am Kaiserhof in Wien zu dieser Zeit als außergewöhnlich festlich angesehen
worden. Bei diesem Fest führten auch die Adeligen selbst französische Komödien auf:
„[...] allwo in großer Compagnie das fest antonÿ als der haus frau Nahmens tag
Celebriert worden ist, [...] wir seynd alle oder doch die meisten durch gantze 8
täge da geblieben, es seynd fünferley frantzösische Comedien durch Cavaliers
und Damesen nebst seinen ordinary operen representiert worden, [...].“3
Dem Brief ist eine Liste der Teilnehmer beigelegt, die Einblick in das – wohl nicht
nur kulturelle – Netzwerk des mährischen Adels gibt (Abb.1):
• Johann Nepomuk Graf von Ugarte selbst und seine Frau Maria Maximiliane Wil-
helmine, geb. de Souches (sie trat am kaiserlichen Hof in Wien im Ballett bei der
bekannten Aufführung von Caldaras Euristeo im Mai 1724 auf, dann auch 1732 in
Jarmeritz in L’Elezione d’Antioco in rè della Siria von Ignazio Maria Conti)4;
• Wenzel Anton Graf von Kaunitz (Bruder von Maria Antonia von Questenberg
und künftiger Staatskanzler Maria Theresias);
• Maria Eleonore und Ludwig von Kaunitz, die Geschwister von Wenzel Anton
Kaunitz;
• Franz Anton von Schrattenbach, der Neffe des zu dieser Zeit schon verstorbenen
musikliebenden Olmützer Bischofs Wolfgang Hannibal von Schrattenbach,
Verwalter des Familien-Fideikomisses (einschließlich der Güter in der Steiermark)
und in den 1740er-Jahren eine der einflussreichsten Persönlichkeiten in Mähren5;
• Joseph von Guyard, Graf von Saint-Julien;
• Konstantin Joachim Graf von Gatterburg, Musikliebhaber der Herrschaft Hostim/
Hosting (unweit von Jarmeritz);
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918