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Spielball der Repräsentation? 309
dem Erfurter Organisten Johann Heinrich Buttstedt ein in Schriften ausgetragener
Streit um den Wert der Solmisation ausgebrochen war, hatte Fux im Sinne von Mat-
thesons Kontrahenten Partei ergriffen.4 Biographen bieten noch andere Erklärungen
für Fux’ ‚Schweigen‘ an: der Hofkapellmeister, als Sohn eines Bauern in der noch
heute abgelegenen Oststeiermark geboren, habe seine niedere Herkunft verbergen
wollen5, oder ein schätzenswerter Charakterzug von Fux, seine Bescheidenheit, habe
ihn dazu angeleitet, auf die Wiedergabe seiner Biographie zu verzichten.6 Doch fern
dieser Hypothesen zeigt Fux’ Reaktion vor allem eines: dass es seinem Selbstverständ-
nis als Erster Kapellmeister der kaiserlichen Hofmusikkapelle durchaus entsprach,
biographische Angaben vorzuenthalten.7
Der Grund für dieses Verhalten dürfte weniger in seinem Wesen als in seiner Posi-
tion zu suchen sein. Fux zählte als Hofkapellmeister zu den führenden Repräsentan-
ten der Habsburgermonarchie in den Künsten. Kraft seiner Autorität wirkte Fux im
Zentrum eines durchdachten Systems, das sowohl Musik für die Kirche als auch für
die Kammer sowie für das Theater zu einem Teil des Herrscherzeremoniells machte,
in dem sich der Kaiser stilisierte. Doch inwieweit kann das habsburgische Musikver-
ständnis in seinem artifiziellen wie instrumentellen Rahmen als dynamisches Modell
gesehen werden? Das musikalische Repertoire am Wiener kaiserlichen Hof wurde
sorgsam gehütet8; dass Werke, die Fux für dessen Hofmusikkapelle komponiert hatte,
nur in seltenen Fällen nach außen drangen9, unterstreicht ihre Exklusivität. Umge-
kehrt handelt es sich bei Quellen zu Motetten, die allem Anschein nach von österrei-
chischen Stiften bei Fux bestellt worden und in den jeweiligen klösterlichen Musik-
archiven überliefert sind, vielfach um Unikate. Da diese Motetten häufig eine große
Besetzung aufweisen10, wie sie zu vergleichbaren Aufführungsgelegenheiten in der
kaiserlichen Hofmusikkapelle nicht üblich war, galten sie offenkundig besonderen
kirchlichen Festtagen. Insgesamt entfalteten also damals weniger einzelne Werke Vor-
bildwirkung als ein nach Art und Rang der Kirchenfeste abgestimmtes System, das in
den Fastenzeiten Werke im A-cappella-Stil (vorwiegend Neukompositionen in einem
adaptierten stilus antiquus), ferner an gewöhnlichen Sonntagen und mit geringerem
Aufwand begangenen Festtagen Werke im sogenannten stilus mixtus oder mediocre
(mit knappen solistischen Stellen, Chor und instrumentaler Begleitung) und an ho-
hen kirchlichen Festtagen im stilus solenne (mit teils ausgedehnten Soli sowie in der
Regel zusätzlich Trompeten und Pauken im Orchester) vorsah. Dieses von Friedrich
Wilhelm Riedel in Anlehnung an Hans Sedlmayrs These vom ‚Reichsstil‘ als ‚Imperi-
alstil‘ qualifizierte ‚System‘11 diente aber nur als Anhaltspunkt einer zeitgenössischen
Kirchenmusikpflege, nicht als konkretes ‚Modell‘.
Dies verdeutlicht bereits die Tatsache, dass Fux als kaiserlicher Kapellmeister an-
dere als kirchenmusikalische Kompositionsaufträge offenbar nicht angenommen hat.
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918