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Spielball der Repräsentation? 319
geistliche Fürstentum Salzburg schielten.23 Blendet man die späte Überlieferung des
frühen 19. Jahrhunderts aus (in der Tabelle kursiv), erstaunt bzw. unterstreicht die
Hermetik des Fundus der kaiserlichen Hofmusikkapelle, dass nur ein einziges Werk
aus ihrem Bestand den Weg nach Salzburg gefunden hat. Dieses war aber auch auf
andere Weise verfügbar, nämlich vollständig abgedruckt in Fux’ Gradus ad Parnas-
sum24; die Vorlage stammte also kaum aus der Wiener Residenz.
Im Weiteren bestätigen bei den in Salzburg vorhandenen Quellen des 18. Jahrhun-
derts zahlreiche nachgeschriebene Stimmen eine hohe Aufführungsfrequenz. Außer-
dem wurde die Verwendung von Posaunen dem lokalen Usus, dem Colla-parte-Spiel
dreier Posaunen mit den Vokalstimmen Alt, Tenor bzw. Bass, angepasst. Wiederum
erfährt auch die Besetzung des Generalbasses eine lokalspezifische Abwandlung, wobei
das in der ältesten Quelle genannte Bombardon in späteren Abschriften durch ein Fa-
gott ersetzt wird (wenn es sich nicht um eine bloß unterschiedliche Bezeichnung in der
Titeleiformulierung handelt) und immer zusätzlich eine Kapellmeisterstimme Battuta
vorliegt, welche angesichts der komplizierten Disposition der Salzburger Hofmusik-
kapelle auf den Musikeremporen in der Vierung des Domes mit dem Tuttichor samt
eigenem Continuo am Rand des Presbyteriums unverzichtbar war.25 Zumindest das Tan-
tum ergo (K 269)26 sowie die Motette Ad te Domine levavi (K 153) blieben bis ins späte
18. Jahrhundert im Repertoire. Wie wenig aufführungspraktische Skrupel gegenüber
Vorlagen, aber auch liturgischen Vorgaben bestanden, bezeugt das Stimmenmaterial zu
letzterem Werk. Mit Ad te Domine levavi ist der Text eines Offertoriums im Advent ver-
tont, an dem eine orchesterbegleitete Kirchenmusik eigentlich nicht stattfinden durfte.
Fux’ Vertonung wurde aber von einem zweiten Schreiber zeitgleich oder wenig später
für den vollen am Salzburger Dom verfügbaren Instrumentenapparat aufgepäppelt – im
Grunde nur erklärbar, wenn die Motette an einem anderen als dem liturgisch vorgesehe-
nen Tag erklungen ist, es sei denn, ein hoher Rang des Zelebranten hätte den Ausschlag
für eine größere Besetzung gegeben und die kirchliche Vorschrift überstimmt.27
Bei der – kursiven – Quelle des 19. Jahrhunderts, es handelt sich um vier in einer
Partiturabschrift versammelten Werke, wird (teils durch Verzicht auf colla parte spie-
lende Instrumente der ursprünglichen Überlieferung) jenem kontrapunktischen Ge-
rüstsatz mit vier Singstimmen und Orgel entsprochen, in dessen Fortleben Fuxsche
Kompositionen die Zeit überdauerten. Was dieser Anlage nicht entsprach, kam ab,
wurde vielfach entsorgt. „Wenn es einem Vice Capell Meister […] erlaubt war eine
veraltete Messe vom Fux28 zu verschenken, so ist es gewiss unter Erzbischöflicher Re-
gierung einem wirklichen Capellmeister weniger zu verargen, […] abgelebte Stücke
mit neueren zu vertauschen […]“, schrieb der Dom-, ehedem Hofvioloncellist, ab
1824 dann Domkapellmeister Joachim Fuetsch (1766–1852) 1822 in einer Eingabe
an das Konsistorium.29
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918