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Zagreb/Agram als zeremonieller Raum 1895 375
Gratulationen zur Einweihung des neuen Nationaltheaters kamen von allen Seiten:
von privaten Personen, Firmen, Kroaten aus der ganzen Monarchie, aber auch im
Ausland (beispielsweise aus Pittsburgh), von Direktoren und Mitgliedern aus Wien,
Prag, Brünn, Belgrad usw. Der Dichter Tugomir Alaupović aus Sarajevo sprach
von „einer neuen Wiedergeburt der kroatischen Literatur und Gesittung“.27 Nati-
onal-kroatisches Sentiment und dynastisch-patriotische Elemente vermischten sich
bei diesen Gratulationen ebenso wie beim Theaterprogramm. Bei den festlichen Ma-
nifestationen wurden dem Herrscher nicht nur einzelne Koryphäen der kroatischen
Gesellschaft präsentiert, sondern auch Gruppen, die einzelne Bevölkerungsschichten
repräsentieren und einen weiteren Beleg der kulturellen Entwicklung geben sollten:
die akademische Jugend, Adelige und Magnaten, beim festlichen Ball die adeligen
Damen als weibliche Repräsentantinnen der Gesellschaft, Bürokraten, Beamte usw.
Der zeremonielle Raum und die verschiedene Ebenen
Wenngleich ein richtiges Massenspektakel, so wurde der kaiserliche Besuch doch
streng hierarchisiert. Das ‚Volksfest‘, an dem mehrere Tausend teilnahmen, fand
meist auf Straßen, naheliegenden Plätzen, vor den Fenstern des Hoflagers oder Hun-
derte Meter von Franz Joseph entfernt statt, also am Rande der festlichen Inszenie-
rung. Einmal mehr war die Peripherie für gewöhnliche Bürger und Bauern reserviert.
Einzelne Privathäuser der Bürger im Stadtzentrum wurden auf eigene Kosten mit
Fahnen, Bildern des Königs, Kerzen am Fenster oder anderem Schmuck dekoriert –
von dem offiziellen Dekor gut getrennt, markierte dieser ‚Eigendekor‘ die Zone der
Massen. Dagegen waren die Eliten, die Vertreter der Konfessionen, des Militärs, der
Politik und Aristokratie, der Kunst und Wissenschaft, näher beim König: Sie konn-
ten die offizielle Dekoration zum richtigen Zeitpunkt genießen und natürlich mehr
oder weniger aktiv am Programm teilnehmen. Nur noch die Polizei und Vertreter der
kroatischen, ungarischen, österreichischen oder tschechischen Presse konnten wäh-
rend des ganzen Programms dem Zentrum des Spektakels näher kommen.28
Hier offenbaren sich verschiedene Ebenen des Festprogramms. Einige Ereignisse,
wie die Schlusssteinlegung am Nationaltheater oder am Mädchen-Lyzeum sowie die
Abendserenaden, waren offen für alle Bürger, die sich am Platz- oder Straßenrand
drängten. Gewiss hatten Adelige, Politiker, Beamte, Studenten und andere direkt be-
teiligte Gesellschaftsschichten Vorrang. Jedoch Ereignisse wie der ‚Allerhöchste Ball‘
oder die Theatervorführung waren nur für geladene Gäste, also für spezielle Zielgrup-
pen. Jede dieser Gruppen sollte ihren ‚Moment‘ mit dem König bekommen: Studen-
ten, Schüler, Lehrer und Universitätsprofessoren bei den festlichen Eröffnungen der
Schulanlagen oder der neuen Universitätsräume. Die Damen der Adligen warteten
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918