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Zagreb/Agram als zeremonieller Raum 1895 385
einer Seite sollten sich alle Nationalitäten Kroatien-Slawoniens dem Herrscher nahe
fühlen, auf anderer Seite sollte Franz Joseph die Umgebung als vertraut wahrneh-
men, also sehen, dass Zagreb zu einer echten mitteleuropäischen (habsburgischen)
Stadt geworden war. Architektur spielte bei beiden Absichten eine Schlüsselrolle.
Vergleicht man beispielsweise den Dekor, der bei den kaiserlichen Besuchen in Pula/
Pola oder Ljubljana/Laibach oder bei seinem Aufenthalt in St. Pölten (vor seiner
Zagreb-Reise) verwendet wurde, zeigt sich, dass hauptsächlich dieselben Komponen-
ten vorkommen: Fahnen, Girlanden, Wappen, Triumphpforten, Steinpfeiler. Mit
Dekor und Architektur sollte ein Gefühl der Verbundenheit dokumentiert werden.
Drittens wird klar, dass Architektur Botschaften übermittelt, sie symbolisierte
im praktischen Sinne Modernität und Weiterentwicklung, politische und kulturelle
Stärke. Architektur wurde hier zum offensichtlichen visuellen Ausdruck der dynasti-
schen Politik für die Länder der Habsburgermonarchie auf allen Ebenen (Stadtregie-
rung, Landesregierung, Regierung in Budapest sowie auch auf den Ebenen des du-
alistischen Systems der Monarchie und der Habsburger Dynastie). Die Architektur
sollte alle offiziellen und inoffiziellen Ebenen der Feierlichkeit integrieren, während
dekorative Elemente zusätzlich auf Identität und Repräsentation hinweisen sollten –
sei es die königliche Identität des Monarchen, des Kaiserhauses Habsburg, jene der
Landesregierung des Dreieinigen Königreichs, des ungarischen Teils der Habsburger-
monarchie oder die nationale Identität der Kroaten und der Stadt Zagreb.
Das Programm der Reise war natürlich nicht nur auf Adlige, Magnaten, Ehren-
und Würdenträger und andere große Vertreter politischer und kirchlicher Macht
bezogen, sondern auch auf die akademische Jugend, Schüler, Intelligenz, Künstler,
Handwerker und andere Gruppen ausgerichtet. Franz Joseph besuchte Zagreb als
‚Vater‘ der Monarchie, daher schloss das offizielle Programm vielfältige Gruppen
als Repräsentanten, als seine ‚Kinder‘, ein. In dieser Hinsicht waren die Festtage in
Zagreb ein Erfolg, zeigten aber auch klar, wie sehr die reinen Formen von dynasti-
scher Loyalität und herrschaftlicher Repräsentation in Bezug auf Nationalismus und
Völkerkämpfe begrenzt sein können.
Anmerkungen
1 Eric J. Hobsbawm, Mass-producing Traditions in Europe 1870–1914, in: Ders./Terrence Ranger
(Hg.), The Invention of Tradition, Cambridge 1983, 263–307; Marty Gould, Theatre and the Im-
perial Encounter, New York-London 2011, 14–15.
2 Dazu u. a.: Richard S. Wortman, Scenarios of Power. Myth and Ceremony in Russian Monarchy
from Peter the Great to the Abdication of Nicholas II, New Jersey 2006.
3 Jörn Leonhard/Ulrike von Hirschhausen (Hg.), Empires und Nationalstaaten im 19. Jahrhun-
Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
1618–1918
Representing the Habsburg-Lorraine Dynasty in Music, Visual Media and Architecture
- Title
- Die Repräsentation der Habsburg-Lothringischen Dynastie in Musik, visuellen Medien und Architektur
- Subtitle
- 1618–1918
- Editor
- Werner Telesko
- Publisher
- Böhlau Verlag
- Location
- Wien
- Date
- 2017
- Language
- German
- License
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20507-4
- Size
- 17.0 x 24.0 cm
- Pages
- 448
- Categories
- Geschichte Vor 1918