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Xenofeminismus (Hester 2018; Russel 2018) sowie die feministischen
Black Code Studies formulieren (z.B.Wade 2017). Diese bei Studie-
rendenund imKunstfeld äußerst beliebten Interventionen lehneneinen
digitalenDualismus ab – also dieAnnahme, dassOn-undOffline zwei
getrennteWelten sind. Sie sehen imdigitalenRaum immer auch neue
Potentiale, affektive Transformationsräume, das heißt Räume, wo
Hautpigmentierung keine Basis für Teilhabe ist, wo neueKörperprak-
tiken ausprobiert werden können. Solche Beiträge erinnern auch an
Vordenker desDigitalenwieFélixGuattari, der bereits 1987 indieDrei
'kologiennichtnur imMediumderLiteratur sondernauch imDigitalen
neuePolitikmöglichkeitensah,wenner formulierte:„Künftigwirdesan
der Tagesordnung sein, ,futuristische‘ und ,konstruktivistische‘ Virtua-
litätsfelder frei zu schalten“ (Guattari 1994, 28).Rückgebunden an die
Frage der Bildung heißt das: Für eine akademische Karriere ist neben
Wissen,WollenundBegabungebenfalls ein akademischerHabitus, eine
spezifische Körperperformanz wichtig. Eine Selbstgewissheit beim
Sprechen,einemoderate,keineüberbordende,exzessiveKörperlichkeit.
WennDigitalisierungderBildungeinerelativeEntkörperlichungist,weil
Bildungsprozesse zunehmend in den digitalenRaumverlagert werden,
kanndasaucheineUnterminierungvonKlassebedeuten–alsodasMuss,
einen spezifischen Körper für eine akademische Karriere vorzuweisen.
DennimvirtuellenRaumkönnenStudierendemiteinemHintergrundin
Arbeiterfamilien, aber auch lesbische, transgender oder schwarze Stu-
dierende, schüchterne Studierende, die manchmal nur zufällig etwas,
meist gar nichts sagen,möglicherweise freier agieren. Schließlich kann
Entkörperlichung auch bedeuten, weniger pendeln zu müssen. Eine
Freundin imRollstuhl,diemittlerweileProfessorin fürDisabilityStudies
ist, unterstreicht inGesprächen zwar immerwieder, dass nichtDigitali-
sierung, sondern Armut und Behinderung das dringlichste Thema der
Disability Studies ist, dass stattHandys auszuteilen, Städte anders gebaut
werdenmüssen, begrüßt aber diese ,bedingte’ Entkörperlichung.Denn
für sie ist das Pendeln vonBerlin in einebaden-württembergische Stadt
noch einmal kräftezehrender als für körperlichNicht-Behinderte.Und
Digitalisierung bedeutet dann eine Erhöhung auch der Mobilität der
Lehrendenundnicht nur der Studierenden.
Zählen versus Erzählen? 73
Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
Einwürfe und Provokationen
- Title
- Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
- Subtitle
- Einwürfe und Provokationen
- Authors
- Marko Demantowsky
- Gerhard Lauer
- Robin Schmidt
- Editor
- Bert te Wildt
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Oldenburg
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-067326-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 206
- Keywords
- Bildung, Schule, Technik, Universität, Digitalisierung
- Category
- Technik