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DerGeschichtslehrer, der diese historischeParallele vortrug,musste
nicht ausführen,welchesArgumentdamitverbundenwar:Genausowie
sich schriftliche Prüfungen durchgesetzt haben, wird die Benutzung
digitalerEndgerätebeiPrüfungenzueinerSelbstverständlichkeitwerden.
Erscheint es aus heutiger Perspektive kurios, dass es jemals eine Dis-
kussion darüber geben konnte, ob schriftliche Prüfungen ein legitimes
Format darstellten, so dürften sich in hundert Jahren Lehrerinnen und
Lehrer darüberwundern,wie umstritten Fragen der digitalenTransfor-
mationheute sind.
HistorischesCherryPicking
Betrachtet man das historische Argument kritisch, dann kannman
leicht zugestehen, dass derKollege recht haben könnte: Es ist durchaus
denkbar, dass die Protokolle der heute geführtenDiskussionen in Zu-
kunft lächerlicherscheinenkönnten.Nur:Wahrscheinlich lassen sich in
denArchiven auchDiskussionenüberVorschläge finden, die sichnicht
durchgesetzt haben. Bei diesen Aushandlungsprozessen erschiene dann
die Seite der konservativenLehrkräfte vernünftig,weil sie konformmit
denheute gängigenPraktiken anSchulen ist.
Pointiertgesagthandeltes sichbeimRückgriffaufdieGeschichteder
Schule umCherry Picking:Eswird eineDiskussion ausgewählt, die Be-
denken delegitimiert, weil sie sich imRückblick als unberechtigt er-
wiesen haben.Würde man anders auswählen, ergäben sich eher Rei-
bungen als Parallelen. Die Verschiebung von primär mündlicher
Kommunikation an einer Handelsschule zu schriftlicher darf in einer
sauberenArgumentation nichtmit denEffekten der digitalenTransfor-
mation gleichgesetztwerden.
DieGeschichtedesMedienwandelswiederholt sichnicht soeinfach,
wie das imRückblick erscheinen könnte.Wir können zwar die Lese-
sucht-Debatteausdem18. Jahrhundertheranziehen,umdieVermutung
zuunterfüttern, dass dieBefürchtungen inBezug aufGame-undNetz-
Sucht verebben werden, sobald der Leitmedienwechsel vollzogen ist.
ÄhnlicheBelegeliefernauchTexte,mitdenendieEinführungvonKinos
zuBeginndes20.JahrhundertsoderdieVerbreitungdesFernsehensnach
dem Zweiten Weltkrieg begleitet wurden. Aber daraus ergeben sich
keine Argumente, keine Analyse der entsprechenden Krankheitsbilder
undProblemlagen.Sinnvollerwärees,wiedasetwaMartinLindnergetan
hat,dieaktuellenStudienunddenSucht-Diskurskritischzuprüfen (vgl.
Lindner 2019). Lindner kann zeigen, dass Konzepte von stoffungebun-
denenAbhängigkeiten generell umstritten sind, der Suchtbegriff an sich
Waswir vonGoogleBooks über dieZukunft derHochschulen lernenkönnen155
Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
Einwürfe und Provokationen
- Title
- Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
- Subtitle
- Einwürfe und Provokationen
- Authors
- Marko Demantowsky
- Gerhard Lauer
- Robin Schmidt
- Editor
- Bert te Wildt
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Oldenburg
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-067326-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 206
- Keywords
- Bildung, Schule, Technik, Universität, Digitalisierung
- Category
- Technik