Page - 168 - in Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen? - Einwürfe und Provokationen
Image of the Page - 168 -
Text of the Page - 168 -
zu spülen. Für die auf Befristung beschäftigtenPersonen ist das ein un-
erträglicherZustand,undunterderemotionalenundzeitlichenBelastung
leidet das Forschungsprojekt.
2
Ichmöchte folgendeRechnung aufstellen:Die ständigeAntragsschrei-
bereibindetvielArbeitszeit,besonderswennmanbedenkt,dassvieleder
eingereichtenAnträge nicht gefördertwerden.DieBewilligungsquoten
lagen bei derDFG im Jahr 2018 in der Einzelförderung in denNatur-
wissenschaften bei etwa 25 Prozent (DFG2015–2018). Berücksichtigt
manneben den zeitlichenAufwendungen für das Schreiben vonDritt-
mittelanträgen noch die Belastungen durch das Schreiben von ausführ-
lichenGutachten fürBSc.-,MSc.-undDoktor-Arbeiten, für denPeer-
Review-ProzessvonFachzeitschriftenundfürDrittmittelanträgeanderer
Arbeitsgruppen, sobleibtwenigZeit fürdieeigeneForschung. Ichselbst
habe seit Beginn meiner wissenschaftlichen Karriere imWesentlichen
nach Feierabend oder am Wochenende geforscht. Die reguläre Ar-
beitszeit istüblicherweisemitderBetreuungvonStudierendenundLehre
sowie der Teilnahme an Mittelbau- und anderen Gremiensitzungen
gefüllt.OhneFamiliekannmandas sicherlicheineZeit langmitmachen.
SpätestensmiteigenerFamilie istderDauerzustand,Forschungnachdem
Feierabend‘ demUmfeld schwer zuzumuten.Mir ist eswichtig klarzu-
stellen,dass ichmeinenBerufsehrgerneausübeundnichtsdagegenhabe,
meinerForschunghinundwiedernachFeierabendundamWochenende
nachzugehen. Es bereitet mir Freude. Diese Dauerbelastung als Nor-
malfall anzusehen, halte ich jedoch für einen völlig unangemessenen
Zustand, zumal wir in Deutschland historisch dem Leitbild des Hum-
boldtschen Bildungsideals mit der Einheit von Forschung und Lehre
folgen.DerBegriff Administration tauchtbeiHumboldt genausowenig
auf, wie das deutlicheÜbergewicht an Lehre gegenüber der spärlichen
Zeit für Forschung.
Zweifellos heißt es, dassman als Professor berufenwird, und in der
Tat sehe ichmeine Tätigkeit alsWissenschaftler als Berufung. Ich bin
dankbar dafür, dass ich viele junge Menschen ausbilden darf und als
Professorfrei inmeinerForschungbin.Trotzdemwundertesmichnicht,
dass der Beruf von außen (und auch von innen) als zunehmend unat-
traktiv wahrgenommen wird. Dies spiegelt sich in der zu Beginn er-
wähnten Anekdote aus dem Silicon Valley wider. Arbeitet man als
ChristianMontag168
Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
Einwürfe und Provokationen
- Title
- Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
- Subtitle
- Einwürfe und Provokationen
- Authors
- Marko Demantowsky
- Gerhard Lauer
- Robin Schmidt
- Editor
- Bert te Wildt
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Oldenburg
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-067326-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 206
- Keywords
- Bildung, Schule, Technik, Universität, Digitalisierung
- Category
- Technik