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Evaluationen reicht dieser Verweis nicht, hat gewiss nie gereicht. Die
vielbeschworene Einheit von Forschung und Lehre war auch an der
Berliner Universität ein spannungsreiches Handlungsideal, insofern die
Schulen, Kirchen, Kliniken, Verwaltungen von ihren spezifischenAn-
forderungen an die Personalakquise niemals lassen mochten (und zur
SicherheitexterneStaatsexaminazuderenPrüfungverbindlichmachten).
Die strukturelle Problematik folgt in sozialerHinsicht aus der Tat-
sache, dassDozierendeHochschulehre ‘geben’, Studierende also zube-
lehren unternehmen, Lehrveranstaltungen konzipieren, Lehrmittel
produzieren, Studien- undVorlesungspläne entwerfen und setzen und
über dasMediensetting entscheiden, Studierendenleistungen bewerten,
dieselbst, jedenfallszumgrossenTeilunddas insbesondere,wennsieeine
unbefristete Position erreicht haben, nicht in der langenZukunft leben
werden, auf die sie ihre Studierenden vorbereiten sollen, deren Erwar-
tungshorizontbezüglich ihrereigenendomänenspezifischenPraxis somit
erheblich abweichenmuss von dem ihrer Studierenden und deren Er-
fahrungsraumdeutlichandersartigePrägungenhinterlassenhat(Koselleck
1976).
Das ist selbstverständlich ein durchaus allgemeines pädagogisches
Strukturproblem, die Lebenserwartungsdifferenz der heutigen Zu-
kunftsagentinnen und -agenten und der späteren Zukunftsakteurinnen
und -akteure, die wesentliche Phasenverschiebung der Horizonte zu-
ungunsten der steuerndenAkteure imProzess desUnterrichts, instruk-
tivistisch vereinseitigend ‘Lehre’ genannt.
Oftmalswirdhiereingewendet,dassdieseLebenszeit-Differenzkein
Problem, sondern vielmehrCharakteristikum jeder didaktischen Situa-
tion sei, und sie allererst zu einer a-symmetrischenWissensaustauschsi-
tuationmache.Es ist allerdingsnichtdieLebenszeit-Differenzals solche,
die diese Situation konstituiert, sondern dieDifferenz vonWissen und
methodischemVermögenimHinblickaufeinenbestimmtenInhaltoder
eine bestimmte Aufgabe. Für diese Differenz ist das Lebensalter der
BeteiligtenkeinentscheidenderFaktor. JedeVolkshochschule führt dies
beständig vor, umnur einBeispiel zu geben.
Im Rahmen universitärer Lehre tritt dies in der Regel aus der
Wahrnehmung, weil insbesondere im deutschsprachigen Hochschul-
wesenmit seinen spezifischenKarrierebedingungen dieWissenshierar-
chieausübungbesonders starr lebensaltersbezogenaufgefächert ist. Sie ist
indiesemSektorgesellschaftlicherWissensreproduktioneineNormalität.
AlsNormalitätwirdsie indenAugenderAkteureunsichtbar, solangedie
für dieseNormalität und in dieserNormalität geschaffenenHandlungs-
MarkoDemantowsky178
Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
Einwürfe und Provokationen
- Title
- Was macht die Digitalisierung mit den Hochschulen?
- Subtitle
- Einwürfe und Provokationen
- Authors
- Marko Demantowsky
- Gerhard Lauer
- Robin Schmidt
- Editor
- Bert te Wildt
- Publisher
- De Gruyter Open Ltd
- Location
- Oldenburg
- Date
- 2020
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-11-067326-5
- Size
- 15.5 x 23.0 cm
- Pages
- 206
- Keywords
- Bildung, Schule, Technik, Universität, Digitalisierung
- Category
- Technik