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›Virtuelle Museen‹: Medienwechsel und Kontinuität | 155
Das Ergebnis ist dann für Valéry ein »Mißbrauch des Raumes«, der sowohl »Ge-
sichtssinn« als auch »Erkenntnisvermögen« überfordere (Ebd.). Das Museum schei-
tere nicht an seinem Sammlungsanspruch per se, sondern an einem falschen Umgang
mit dem ihm zur Verfügung stehenden Raum – die epistemische Abduktionsfunktion
des musealen Raumes wird also gewissermaßen von seiner wörtlichen untergraben.
Gerade weil wir im Museum davon ausgehen, dass erstens die ausgestellten Objekte
Träger von Bedeutungen sind und dass zweitens die Art, wie diese Bedeutungsträger
im Raum angeordnet sind, ebenfalls Mitteilungscharakter hat, ist seine Fähigkeit,
Dinge in sich aufzunehmen, beschränkt. Es ist sicherlich keine steile These zu be-
haupten, dass sich in einem durchschnittlichen Einfamilienhaus ebenso viele oder gar
mehr Bilder befinden als in mancher Kunstausstellung. Im Gegensatz zur Kunstaus-
stellung müssen wir diese Bilder aber nicht gleichzeitig und vor allem nicht in ihren
Bezügen aufeinander erfassen. Der Kunstdruck an der Wohnzimmerwand, die Illust-
ration auf der Cornflakeschachtel, das Foto auf dem Titelblatt der Tageszeitung bil-
den in unserem Alltag kein spezifisches Sinnsystem, dessen wir gewahr wären. Sie
finden vielmehr zufällig als Nebeneffekt unserer Lebensäußerungen in unseren Le-
bensräumen zusammen. Freilich haben auch sie Zeichenfunktionen und stellen kom-
plexe Verweise auf kulturelle Muster da – womöglich werden in zweihundert Jahren
unsere Nachkommen in ihren Museen durch Nachbauten unserer heutigen Wohnun-
gen spazieren können – aber wir sind an diese Dinge so sehr gewöhnt, dass wir sie
völlig transitiv begreifen und sie in den Praktiken unseres täglichen Umgangs mit
ihnen völlig verschwinden. Die von Hannah Arendt betonte Rolle materieller Dinge
als Kulturstifter, die Zeitläufe überdauern und uns ›vertraut‹ werden, erklärt also die
Funktion des Museums nur halb: Vertrautheit und Musealisierbarkeit der Dinge ge-
hen gleichermaßen auf ihre materielle Permanenz zurück, aber die museale Situation
lebt davon, dass uns die ausgestellten Objekte eben gerade nicht vertraut sind bzw.
andernfalls ihre Vertrautheit durch den Ausstellungskontext von ihnen abgetragen
wird.
Eine der interessantesten − wenngleich mit Vorsicht zu genießenden − Abhand-
lungen zu dieser Transformation der Objekte im Museum stammt aus der Feder von
André Malraux. Der französische Schriftsteller, Abenteurer und spätere Kulturminis-
ter im Kabinett Charles de Gaulles verfasste in den 1940er Jahren eine Anzahl von
Abhandlungen zur Kunsttheorie, welche in den 1950ern die Form des Bandes Les
voix du silence annahmen. Was Malraux in seinen Ausführungen unternimmt ist ei-
nerseits eine historische Dekonstruktion des Museums als Institution und des mit ihm
verbundenen Authentizitätsversprechens, andererseits aber auch eine gleichermaßen
hellsichtige wie visionär überzeichnete Neubewertung der technischen Reprodukti-
onstechnologien, die sich gleichzeitig an Benjamin anlehnt und vollends gegen ihn
wendet.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien