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Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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›Virtuelle Museen‹: Medienwechsel und Kontinuität | 157 In anderen Worten: Die Idee, man könne in einer Speicherinstitution wie dem Mu- seum Dinge als Bedeutungsträger in ihrer originären Verfasstheit erhalten, indem man ihre physische Unversehrtheit gewährleistet, ist für Malraux nicht haltbar. Dinge existieren als kulturelle Größen immer nur in ›Bindungen‹ an andere Dinge, an be- stimmte Raumstrukturen und soziale Gefüge, innerhalb derer sie gelesen und ver- standen werden können. Weil sich der Auftrag des Museums auf die Dinge selbst richtet und nicht auf die komplexe soziale und physikalische Umwelt, die sie umgibt, kann es ursprüngliche Bedeutungen gar nicht konservieren. Malraux schreibt an an- derer Stelle: Jedes überlebende Kunstwerk ist verstümmelt, hat vor allem seine Zeit eingebüßt. Die Skulptur, wo war sie einst? In einem Tempel, in einer Straße, in einem Salon. Sie hat Tempel, Straße oder Salon verloren. Wenn der Salon im Museum wieder aufgebaut wird, wenn die Statue noch am Portal der Kathedrale steht, so hat sich doch die Stadt, welche Salon oder Kathedrale ein- schloss, verändert. Nichts kann die banale Behauptung entkräften, dass daß die Gotik für einen Menschen des 13. Jahrhunderts die Moderne war. Und die Welt der Gotik war eine Gegenwart, keine Epoche der Geschichte; setzen wir Kunstgenuß an die Stelle des Glaubens, so macht es wenig aus, wenn ein Museum eine Kapelle rekonstruiert, denn wir haben schon vorher unsere Kathedralen zu Museen gemacht. Gelänge es uns, vor einer ägyptischen Statue oder einem ro- manischen Kruzifix das gleiche zu empfinden wie dessen erste Beschauer, wir dürften diese Werke nicht mehr im Louvre lassen. (Ebd.: 59f.) Eine Legitimation des Museums über die Kategorie der Authentizität wäre mit Mal- raux dementsprechend, wenn nicht rundheraus abzulehnen, so doch zumindest der Erweiterung bedürftig. Natürlich leben Museen von Authentizität im Sinne einer Be- glaubigung der kulturellen Relevanz ihrer Ausstellungsstücke. Aber diese institutio- nelle, den Objekten durch Museen und ihnen vor- oder zugeschalteten Expertensys- teme von außen auferlegte Authentizität kann nur greifen bzw. auf die Dinge proji- ziert werden, weil diese aus eigener Kraft keine Authentizität für sich in Anspruch zu nehmen imstande sind. Entsprechend sind es für Malraux auch nicht die weitge- hend abstrakten, ›gedachten‹ Originalzustände der Exponate, aus denen unser kultu- relles Bewusstsein sich ein bestimmtes Bild der Vergangenheit oder Vorstellungen von ästhetischer Kanonizität ableitet. Vielmehr schauen wir beim Blick ins Gestern stets auf die Ausstellungspraktiken des Heute. Ein plakatives, auch von Malraux ge- wähltes Beispiel hierfür ist die griechische Skulpturenkunst: Die bunten Farben, mit denen Statuen und Gebäude der griechischen Antike bemalt waren, haben sich nicht erhalten − und die Museen der Neuzeit haben aus dieser Verstümmelung der Kunst- werke ästhetische Programme für ihre jeweiligen Gegenwarten entwickelt, welche die Fantasie vom weißen Athen normativ aufluden und zum Sinnbild schlichter Größe werden ließen (vgl. ebd.: 43).
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Dinge – Nutzer – Netze Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Title
Dinge – Nutzer – Netze
Subtitle
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Author
Dennis Niewerth
Publisher
transcript Verlag
Date
2018
Language
German
License
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-4232-6
Size
14.8 x 22.5 cm
Pages
428
Keywords
Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
Category
Medien
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