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ein analytischer oder gar wissenschaftlicher Terminus gewesen. Als sein Urheber
wird für gewöhnlich der kanadisch-amerikanische Schriftsteller William Gibson, Pi-
onier des Cyberpunk-Genres4 innerhalb der Science Fiction-Literatur, angeführt (vgl.
Münker 2005b: 245). Gibson verwendet das Wort erstmals Anfang der 1980er Jahre
in der Kurzgeschichte Burning Chrome (vgl. Gibson 2003: 179), seinen entscheiden-
den Popularitätsschub erfuhr es allerdings erst 1984 durch Gibsons wegweisenden
Roman Neuromancer.
Neuromancer erzählt die Geschichte des verkrüppelten und drogenabhängigen
Hackers Henry Dorsett Case, der in der Tokioter Unterwelt einer nicht allzu fernen
Zukunft von einem mysteriösen Auftraggeber namens Henry Armitage angeheuert
wird, um sich einer künstlichen Intelligenz namens Wintermute entgegenzustellen.
Das Medium, durch das sich Gibsons Romanhelden dabei bewegen, ist die soge-
nannte ›Matrix‹: Eine Visualisierung globaler Datennetze, in welche sich Hacker di-
rekt über ihr Nervensystem einklinken und wie körperlich anwesend bewegen kön-
nen. Gibson beschreibt diese simulierte Umwelt eben als ›Cyberspace‹ und extrapo-
liert ihr Erscheinungsbild aus Militärtechnologien und den zeitgenössischen Compu-
terspielen der 1980er Jahre:
»The matrix has its roots in primitive arcade games,« said the voice-over, »in early graphics
programs and military experimentation with cranial jacks.« [...] »Cyberspace. A consensual
hallucination experienced daily by billions of legitimate operators, in every nation, by children
being taught mathematical concepts... A graphic representation of data abstracted from the
banks of every computer in the human system. Unthinkable complexity. Lines of light ranged
in the nonspace of the mind, clusters and constellations of data. Like city lights, receding...«
(Gibson 1984: 51)
Der Cyberspace erscheint also schon bei Gibson in erster Linie als eine metaphori-
sche Interface-Struktur, welche Interaktionen mit einem abstrakten formallogischen
Computersystem ermöglicht. ›Lichtlinien‹, die sich im ›Nichtraum des Geistes‹ er-
strecken, ›Datenkonstellationen‹ wie ›schwindende Stadtlichter‹ − Gibson selbst sah
gerade in dieser fast lyrischen Vagheit der Beschreibung wenige Jahre später ihren
eigentlichen Wert: jenen nämlich, einen noch der Füllung harrenden Rahmen für eine
eigentlich noch nicht formulierbare Zukunftserwartung zu bilden. So schreibt er 1991
für den von Michael Benedikt herausgegebenen Sammelband Cyberspace. First
Steps in einem Text, der halb expressionistische Kurzgeschichte und halb technik-
philosophisches Traktat ist:
4 Der Begriff des ›Cyberpunk‹ benennt seinerseits implizit bereits jenen Widerspruch, aus
dem das Genre seinen Reiz bezieht, bilden doch die Steuerungsziele und -phantasmen der
wissenschaftlichen Kybernetik und der ›Punk‹ im Sinne von Auflehnung und Subversion
gänzlich gegensätzliche kulturelle Positionen.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien