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164 | Dinge – Nutzer – Netze
festgestellte zwischen Internet und World Wide Web. Als Cyberspace ist nicht die
Summe und Ausdehnung der Technik zu verstehen, welche digitale Kommunikation
ermöglicht (also der Computer, der Modems, der Telefonleitungen usw.), sondern
der aus dem Umgang mit digitaler Information entstehende Eindruck, man bewege
sich zwischen Orten. Anstatt hier abstrakt zu bleiben, fährt Bussell − sicher auch dem
enzyklopädischen Format der Britannica geschuldet, das ja nach Praxisbezug und
Alltagsrelevanz für einen Leser ohne speziellen fachlichen Hintergrund verlangt −
mit naheliegenden Beispielen dafür fort, wie der Cyberspace seinem gegenwärtigen
Nutzer gegenübertreten könne: Cyberspace sei die Domäne der Onlinespiele gleich-
ermaßen wie jene der Chatrooms, das Milieu von Messenger-Diensten ebenso wie
jenes der Blogs (vgl. ebd.). Der Cyberspace definiert sich aus dieser Perspektive also
über das, was er in sich beherbergt − und vor allem dadurch, dass dieses Beherbergte
keine Existenzmerkmale außerhalb des Cyberspace aufweist (vgl. ebd.). Zwei Men-
schen mögen sich samt ihrer Computer an zwei anhand von Längen- und Breitengra-
den genau benennbaren Punkten der Erdoberfläche aufhalten, aber der Chatroom
(abermals eine Verräumlichung!) in dem Sie sich unterhalten, befindet sich in einem
›Dazwischen‹, das − ganz anders als z.B. der Raum zwischen Museumsexponaten −
weder wahrnehmbar noch vermessbar ist. Dieses Dazwischen sträubt sich damit not-
wendigerweise auch gegen jede klare Einordnung in die Zuständigkeiten nationaler
Jurisdiktionen. Die immer wieder bemühte Rede vom Cyberspace als ›Neuland‹ hat,
folgen wir Bussells Ausführungen, ihren Ursprung eben gerade darin, dass er zwar
einen Eindruck von Räumlichkeit vermittelt, zugleich aber als ›Non-Space‹ im Sinne
Gibsons keinen Raum in der ›realen‹ Welt belegt, an dem er von irgendeiner politi-
schen Kraft territorial beansprucht werden könnte. Hieraus erklären sich nach Bussell
auch diverse in den 1990er Jahren von Computeraktivisten unternommene Versuche,
den Cyberspace als eine Sphäre abseits der physischen Welt und damit auch jenseits
des Zugriffs jener Autoritäten zu behaupten, welche diese unter sich aufgeteilt haben
(vgl. ebd.).
Die Onlineversion des Oxford Dictionary, das sich als Wörterbuch solch weit-
schweifige Ausführungen natürlich nicht leisten kann, wartet hingegen mit einer ge-
radezu minimalistischen Definition des Cyberspace auf, welche es vermeidet, ihm
irgendwelche spezifischen Eigenschaften, Ästhetiken oder Funktionsprinzipien zu-
zuschreiben. Stattdessen wird der Cyberspace schlicht als »the notional environment
in which communication over computer networks occurs«5 definiert und damit nicht
etwa in der Technik, sondern gänzlich in der Imagination seiner Anwender verortet.
Er wird eben als eine notion begriffen − als eine Annahme oder Auffassung darüber,
wie sich digitale Kommunikation abspielt. Als solche muss er nicht notwendiger-
weise etwas mit tatsächlichen funktionalen Prinzipien oder technischen Abläufen zu
tun haben. Der Cyberspace-Begriff wäre damit gewissermaßen eine Proto-Metapher,
5 http://www.oxforddictionaries.com/de/definition/englisch/cyberspace vom 13.05.2018.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien