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166 | Dinge – Nutzer – Netze
Zur Vermittlung eines schlüssigen ›zugrundeliegenden mentalen Modells‹ schlägt
Wexelblat vor allem solche Visualisierungen vor, die den Eindruck einer körperli-
chen Bewegung in einem unserer lebensweltlichen Alltagserfahrung entsprechend
ausgedehnten Raum zu vermitteln suchen. Der Mehrwert dieses visuellen Program-
mes ist für ihn vor allem der, dass es an basalste und intuitivste Fähigkeiten anknüpft,
anhand derer wir uns in der Welt zurechtfinden:
The ability to traverse areas is a fundamental human ability: it is one of the first things we look
for in a child᾿s development; it is the first thing we take away from someone who has violated
society᾿s law. In a cyberspace that corresponds to a physical terrain, navigation, or movement,
has meaning by virtue of its analogy with physical action. Movement from one room to another
within an imaginary building is meaningful by virtue of the fact that we have been doing it
since childhood and have learned where to go at what times. (Ebd.: 264)
Zugleich stellt Wexelblat aber ‒ wie in Abschnitt 2.4.3 dieser Arbeit bereits ausge-
führt wurde ‒ fest, dass es kontinuierliche Bewegung in digitalen Sinnräumen klas-
sischerweise nicht gibt. Positionsveränderungen bedeuten das Ende einer Interaktion
mit einem Objekt und den Beginn einer Interaktion mit einem anderen, ohne dass
dabei ein kontinuierlicher Zwischenraum zu durchqueren wäre. Der ›Raum‹ wird als
Vorstellung zwar benötigt, um Objekte voneinander zu trennen, ist selbst aber sinn-
entleert, womit auch die Bewegung zum semantisch qualitätslosen Prozess wird −
dies ist jene Form unverzögerten Transfers, die mit Uwe Wirth im zweiten Kapitel
der vorliegenden Studie als ›wirklicher Sprung‹ umschrieben wurde. Die ›Topologie‹
verlinkter Hypertextsysteme ist eine solche im allzu wörtlichen Sinne, bestehen Hy-
pertexte doch gänzlich aus diskreten ›Orten‹ der Information. Der Begriff des ›Net-
zes‹ evoziert eine Gleichberechtigung der Knotenpunkte und Verdichtungen mit den
›Fäden‹, die zwischen ihnen gespannt sind. Tatsächlich aber dürften, wollte man ei-
nen beliebigen Ausschnitt des WWW grafisch abbilden, die Link-Fäden überhaupt
keine Ausdehnung aufweisen, existieren sie doch eigentlich nur in den jeweiligen
Textmodulen, von denen sie ausgehen und jenen, auf die sie verweisen. Zumindest
müsste man in einer halbwegs akkuraten Visualisierung von Hypertexten alle Links
in Form gleich langer Linien darstellen, denn Hyperlinks kennen keine semantischen
›Entfernungen‹ zwischen zwei Textonen. Sie sind entweder verbunden oder nicht.
›Intensitäten‹ oder ›Stärken‹ von Zusammengehörigkeit ließen sich allenfalls in län-
geren Scriptonen ausmachen, und zwar als Separierungsgrade in Form ganzer
Sprünge, die z.B. in der Abfolge von Napoleon hin zum Taucheranzug benötigt wer-
den. Ein Zustand, in welchem sich der Rezipient tatsächlich ›zwischen‹ Bedeutungs-
bausteinen verortet findet, ist in der Logik digitaler Hypertexte nicht vorgesehen:
Schon Memex war ja nicht zuletzt als eine Vorrichtung der Ausblendung konzipiert
− nämlich jener ganzer Bücher, welche den ›Raum‹ zwischen für relevant befunde-
nen Textstellen ausfüllen.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien