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174 | Dinge – Nutzer – Netze
Stattdessen sei es entweder in der Domäne jener Sub- und Konterkulturen verortet
gewesen, welchen ›virtuelle Welten‹ Rückzug aus und Zuflucht vor der Mehrheits-
gesellschaft zu versprechen schienen, oder aber in jene akademischer Expertendis-
kurse (vgl. Rogers 2011: 61). Für Rogers bestärkt die Vorstellung vom Cyberspace
damit zugleich jene von einer harten Trennung zwischen ›realer‹ und ›virtueller‹ Welt
− und diese wiederum besäße keinerlei analytischen Wert mehr in einer Alltagswelt,
die von digitaler Technik ebenso durchdrungen ist wie von einer Selbstverständlich-
keit des Umgangs mit derselben (vgl. ebd.: 64). Rogers hat hiermit sicherlich nicht
ganz unrecht. Kulturwissenschaftliche (und gerade auch die sich auf sie beziehenden
politischen) Diskurse über Digitalität und Virtualität scheinen allzu oft betriebsblind
zu sein für die längst eingetretene Normalität des Virtuellen, anstelle derer sie sich
an einer längst nicht mehr real gegebenen Neuheit der Technologien und der mit
ihnen verbundenen medialen Erlebnisqualitäten abarbeiten.
Indes hält gerade der anhaltende Diskurs über die vorgebliche Ver- und Geschie-
denheit der physisch-analogen Welt von der angenommenen informationellen Räum-
lichkeit digitaler Kommunikationssysteme diese als eine soziale ›Tatsache‹ lebendig.
Als solche bestimmt sie weiterhin mit darüber, wie sich Individuen, Gruppen und
eben auch Institutionen in diesem Zwiespalt positionieren. Zugleich aber sind auch
in einer Welt, in der Virtualität zur Normalität geworden ist, Widersprüchlichkeiten
zwischen etablierten Dispositiven der sozialen Ordnung und den epistemischen, pä-
dagogischen, affektiven oder politischen Programmatiken einer immer noch von ra-
santen Entwicklungen gekennzeichneten Medientechnik keineswegs ausgeschlossen.
Dies gilt umso mehr, als dass der Computer als Meta-Maschine laufend neue Funk-
tionalitäten hervorbringt, die immer wieder aufs Neue gesellschaftlich normalisiert
werden müssen.
Insofern kann der Begriff des Cyberspace – insbesondere, wenn man ihn nicht
nur als Schlagwort verwendet, sondern durch die Brille seiner Theoretiker und Pro-
pheten betrachtet – speziell im Zusammenhang mit solchen gesellschaftlichen und
kulturellen Systemen wertvoll sein, in denen Digitalisierung und Virtualisierung
nicht reibungslos und kontinuierlich ablaufen, sondern sich sperrig verhalten und als
Bruch empfunden werden. Steve Woolgars zweite Regel der Virtualität6 impliziert
auch, dass unsere Erklärungsmodelle und Metaphoriken für Virtualisierungsphäno-
mene nicht überall gleichmäßig schnell verfallen und veralten. So mag der Cyber-
space als virtuelle Gegenwelt und kategorisch ›Anderes‹ nicht mehr akkurat den
längst völlig ins realweltliche Leben der digital natives integrierten Umgang mit di-
gitaler Technik beschreiben − im Hinblick auf die Museumsvirtualisierung erscheint
6 Die ja besagt, dass die mit Virtualisierungprozessen verbundenen Ängste und Risiken nicht
gleichmäßig über Gesellschaften verteilt sind, sondern sich in bestimmten sozialen Syste-
men und Bereichen verdichten ‒ siehe Kapitel 2.1.3 dieser Arbeit.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien