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›Virtuelle Museen‹: Medienwechsel und Kontinuität | 179
funktionale Einheit erkannt und verstanden werden. Insofern ist in der Navigation
digital-virtueller Räume die Trennung zwischen Rezeption und Aktion aufgehoben:
Jeder Abruf von Information stellt eine Aussage gegenüber dem Computernetzwerk
dar, die ihrerseits informativen Charakter hat. Die Information darüber, dass und was
ich rezipiere, ist für einen Computer qualitativ nicht fundamental verschieden von
der Information, die ich rezipiere.7
Um nun der Prozeduralität solcher virtueller Räume gerecht zu werden, erweitert
Novak den Begriff der Architektur als Modus der Raumgestaltung um ein Adjektiv,
das abermals eine bestimmte Materialität evoziert: Er spricht bei der Praxis der Struk-
turierung des Cyberspace von einer »liquid architecture« (Novak 1991: 251), die im
Gegensatz zu physikalischen Architekturen eben keine feste und unveränderliche
Ordnung in einen vorgefundenen Raum stellt, sondern die Räume um denjenigen
herum laufend neu entstehen lässt, der sich durch sie hindurchbewegt.8 Die Kommu-
nikation schafft sich also nicht nur ihre Gegenstände, sondern auch die Referenzgrö-
ßen ihrer Umwelt:
I look to my left, and I am in one city; I look to my right, and I am in another. My friends in
one can wave to my friends in the other, through my having brought them together. (Ebd.: 249)
Wenn wir den Cyberspace als funktionales Modell für den Ablauf kultureller Kom-
munikation in und über digitale Medien voraussetzen oder auch nur Züge liquider
Architekturen im World Wide Web erkennen wollen, dann erscheint der Begriff des
›virtuellen Museums‹ zunächst einmal als eine überaus problematische Bezeichnung
für digitale Angebote. Wenn Räume in den flüssigen Architekturen digitaler Medien
laufend neu verhandelt werden, dann ist es schwierig, in ihnen eine Institution zu
etablieren, die sich ja gerade durch ihre bauliche Trennung von der sie umgebenden
Welt auszeichnet. Museum und Cyberspace mögen beide als Gegenwelten zu unse-
rem gewohnten Lebensmilieu erscheinen und dabei beide die Merkmale des Certe-
auschen Handlungsraumes aufweisen, im Gegensatz zum Museum aber ist der Cy-
berspace keine singuläre Institution mit einem klaren Auftrag. Er erscheint nicht als
Gegenstück eines bestimmten sozialen Settings, wie das Museum z.B. dem heimi-
schen Wohnzimmer gegenübersteht, sondern schlechthin als eine Antithese zur ma-
teriellen Welt. Wir können das Museum dementsprechend nicht schlechthin dem Cy-
berspace gegenüberstellen, sondern allerhöchstens bestimmten Zusammenkünften
digitaler Objekte im Cyberspace, die Züge des Musealen aufweisen oder emulieren.
7 Kapitel 5 dieser Studie wird sich diesem Aspekt der Lenkung und Analyse von Nutzerver-
halten noch eingehender widmen.
8 Zum Gebrauch von Flüssigkeitsmetaphern im Zusammenhang mit digitaler Medientechnik
vgl. Niewerth 2013: 1ff. sowie Niewerth 2014.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien