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›Virtuelle Museen‹: Medienwechsel und Kontinuität | 181
etablieren versuchte. Da sich eine erste Nennung des Begriffes im Druck nicht datie-
ren lässt, nimmt Lanier selbst für sich allerdings lediglich in Anspruch, ihn »geprägt
oder popularisiert« zu haben.9 Dass dieser Terminus etwa zur gleichen Zeit in den
öffentlichen Diskurs eintritt wie jener des Cyberspace ist kein Zufall: Das bis ins
Mittelalter zurückreichende Denken in und über Virtualitäten als eine erst durch das
verwirklichende Handeln in die Erfahrbarkeit überführbare Erscheinungsform des
Wirklichen bleibe nämlich, so Münker, unter den Voraussetzungen der physischen
Wirklichkeit meist ein rein philosophisches. Zwar werden auch in unserer materiellen
Umwelt ständig Dinge ›verwirklicht‹, die zuvor nur als Potentialität existiert haben,
aber ihre physikalischen Gesetzmäßigkeiten setzen dem, was grundsätzlich aktuali-
sierbar ist und den Arten, wie diese Aktualisierung stattfinden kann, sehr konkrete
Grenzen. Darüber hinaus erleben wir Virtualitäten üblicherweise nicht im Zustand
ihrer Virtualität, sondern nur in fortschreitenden Zuständen ihrer Verwirklichung
(vgl. ebd.: 112ff.). Der einem Hausbau vorausgehende architektonische Entwurf ist
ein virtuelles Phänomen, aber alle Erscheinungsformen des Hauses auf dem Weg zu
seiner Aktualität als Raum des Wohnens sind ihrerseits materiell präsent − von der
Architekturzeichnung über die Baugrube und alle darauffolgenden Stadien der Fer-
tigstellung begegnet uns das werdende Haus als eine positive, materielle Erschei-
nung. Sein virtueller Zustand der Vollendung bleibt ein imaginärer bis zu jenem Au-
genblick, in dem er zur Aktualität wird. Ähnliches gilt für das Erleben von Museum-
sausstellungen: Die im Gefüge der Sinnträger implizit angelegten Narrative und Deu-
tungsmöglichkeiten werden erst dann wahrnehmbar, wenn sie aktuell geworden sind,
wenn also beim Rezipienten bereits eine oder mehrere Deutungen Gestalt angenom-
men und alle anderen möglichen Lesarten ausgeklammert haben. Digitale Medien-
technologien und ihre Interfaces hingegen ermöglichen uns laut Münker ein sehr viel
intensiveres und bewussteres Erleben virtueller Seinszustände von Gegenständen des
Wissens.
Dies liege zum einen daran, dass im Cyberspace das ›Mögliche‹ sehr viel weiter
bemessen ist als im physikalischen Universum. Zwar unterliegt der Cyberspace als
Produkt digital arbeitender Hard- und Software den Gesetzen des mathematischen
Codes und damit der Tatsache, dass er nur das visualisieren kann, was sich mathe-
matisch beschreiben lässt − aber während die Mathematik in der physikalischen Welt
beschreibend wirkt, hat sie im Cyberspace vor-schreibende, eben: pro-grammatische
Funktion. Der Physiker artikuliert in der Sprache der Mathematik ein formales Ab-
bild der Welt, deren Funktionalität er beobachten kann, überträgt also Aktualität in
Virtualität.10 Der Programmierer hingegen arbeitet in einem formalen mathemati-
schen System, in dem Ding und Beschreibung nicht unterscheidbar sind. Den von
9 http://www.jaronlanier.com/general.html vom 13.05.2018, Hervorhebung D.N.
10 Dabei ist es freilich verblüffend, dass der Kosmos immer wieder der zwingenden Logik
unserer Beschreibungssprache zu folgen scheint − deswegen kann die theoretische Physik
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien