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keinen Unterschied machen. Zwar ist jeder Text formal einmalig ‒ aus einer Perspek-
tive, die nach kulturellem Sinn Ausschau hält, sind sie jedoch alle gleichermaßen
wertlos. Diese Wertlosigkeit jedoch verbindet sich für Borges mit einer existenziellen
Verzweiflung. Denn weil Texte im Gegensatz zu materiellen Dingen keine Arte-,
sondern Mentefakte sind, sind zwei identische Texte keine separaten Objekte − auch
wenn der eine in der Außenwelt aus einem kreativen menschlichen Schöpfungsakt
des Schreibens hervorgegangen ist, während sein Doppelgänger in der Bibliothek
einfach deshalb existiert, weil er statistisch existieren muss. Welchen Sinn kann es
also noch haben, zu denken und zu schreiben? Die albtraumhafte Implikation der
Universalbibliothek ist für Borges, dass sie uns überflüssig macht und all unsere
Geistesanstrengungen ad absurdum führt. Ihr Schrecken liegt nicht nur darin begrün-
det, dass sie uns mit einer nicht handhabbaren Fülle von Information überwältigt,
sondern vor allem auch darin, dass dieses Universum des Wissens uns als Subjekte
gar nicht mehr benötigt. In seiner Codierung perpetuiert sich das Wissen einfach
selbst.
Entsprechend wird die Suche nach kulturell anschlussfähigen Texten in der Bib-
liothek für ihre Bewohner zu einem verzweifelten Ringen um Belege für die Sinn-
haftigkeit ihrer menschlichen Existenz − und bleiben diese aus, so bleibt nur der
Wahnsinn. In ihrer Verzweiflung flüchten sich zahlreiche Bibliothekspilger in Bibli-
oklasmen und vernichten massenhaft Bücher, die sie für sinnlos befinden. Aber ob-
wohl jedes der Bücher ein unersetzliches Einzelstück ist, kann angesichts der enor-
men Größe der Bibliothek alle menschliche Zerstörungswut doch nur unmerklichen
Schaden am Gesamtumfang der Sammlung anrichten. Zugleich verfügt jedes Buch,
wenn auch über keinen perfekten Zwilling, so doch über zigtausende nahezu identi-
sche Geschwister, die lediglich in wenigen Zeichen von ihm abweichen (vgl. ebd.:
154f.).
Auch flüchten sich die Bewohner des Buch-Universums in diverse Spielarten des
Aberglaubens. So suchen zahlreiche Pilger nach einem legendären »scharlachroten
Sechseck« (ebd.: 155) auf irgendeiner Ebene der Bibliothek, das angeblich Bücher
beherbergen soll, die in ihrem Format von denen aller anderen Sechsecke abweichen
und das Mysterium der Bibliothek aufzulösen imstande sind. Eine andere Legende
betrifft »Den Mann Des Buches« (ebd.) − einen mythischen Bibliothekar, der angeb-
lich in irgendeinem Regal zufällig auf das tatsächliche Kompendium aller Bücher in
der Bibliothek gestoßen und durch seine Lektüre zu gottgleicher Weisheit gelangt ist.
Der Erzähler selbst hat sein Leben in der Bibliothek mit der Jagd nach solchen My-
then verbracht, ohne den Geheimnissen des ihn umgebenden Informationsuniver-
sums jemals auf die Spur zu kommen. Er scheint jedoch einen gewissen Frieden in
der Gewissheit gefunden zu haben, dass jeder Gedanke und jedes Wort, zu dem Men-
schen imstande sind, irgendwo in der Bibliothek bereits vorweggenommen und damit
unser Dasein letztlich redundant geworden ist (vgl. ebd.: 157f.). Den meisten ihrer
Bewohner ist die Bibliothek indes ein Ort der Verzweiflung, an welchem rasende
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien