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Das Museum von Babel? | 189
Sinnsucher den möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Totentanz der Mensch-
heit vorwegnehmen, den indes die Bibliothek selbst − die uns eben nicht braucht −
gleichgültig überstehen wird:
Die Gewißheit, daß alles geschrieben ist, macht uns zunichte oder zu Phantasmen. Ich kenne
Bezirke, in denen die Jungen sich vor den Büchern niederwerfen und in barbarischer Weise die
Seiten küssen, aber keinen Buchstaben entziffern können. Die Epidemien, die ketzeri-
schen Zwistigkeiten, die Pilgerzüge, die unvermeidlich zu Banditentum ausarten, haben die
Bevölkerung dezimiert. Ich glaube, ich sprach schon von den Selbstmorden, die jedes Jahr häu-
figer werden. Vielleicht trügen mich Alter und Ängstlichkeit, aber ich argwöhne, daß die Gat-
tung Mensch − die einzige − bald erlöschen und daß die Bibliothek fortdauern wird: erleuchtet,
einsam, unendlich, vollkommen unbeweglich, gewappnet mit kostbaren Bänden, nutzlos, un-
verweslich, geheim. (Ebd., 158f.)
Der einzige fahle Lichtblick, den der Erzähler erkennt, ist, dass die Unendlichkeit der
Bibliothek wohl keine gradlinige sein kann (schließlich gebietet ja auch die Mathe-
matik, dass die Anzahl von Texten in der Bibliothek zwar ungemein hoch, aber end-
lich ist) − wer also immer weiter emporsteigt, wird nicht ewig neue Sechsecke vor-
finden. Zugleich jedoch glaubt der Erzähler nicht daran, dass man jemals die Decke
der Bibliothek zu Gesicht bekommen wird. Seine Theorie ist vielmehr jene, dass die
Bibliothek »unbegrenzt und zyklisch« (ebd.: 159) ist − und dass ein hypothetischer
Wanderer mit ausreichend langer Lebensspanne nach Jahrhunderten des Aufstieges
schließlich wieder vor jenen Regalen stehen würde, vor welchen seine Reise begon-
nen hat. Die scheinbar beliebige Anordnung der Texte in der Bibliothek wäre dann
keine offene Unordnung, die uns mit der Aussicht quält, sie ließe sich ergründen −
sie wäre vielmehr »Die Ordnung« (ebd.), die einzig mögliche und geschlossene Be-
schaffenheit des Universums, mit deren Sinnlosigkeit wir uns abfinden können. Die
Erzählung endet mit dem Satz: »Meine Einsamkeit erfreut sich an dieser eleganten
Hoffnung.« (Ebd.)
4.1 VIRTUELLE TEXTE: DIE EIGENDYNAMIK DES CODES
Diese ›elegante Hoffnung‹ des Erzählers lässt sich also als jene lesen, dem Sog der
Virtualität schließlich doch noch entrinnen zu können. Sollte die Bibliothek unbe-
grenzt und zyklisch sein, so stünde am Ende einer nur theoretisch möglichen, jahr-
hundertelangen Pilgerreise zwar keine Erleuchtung, aber doch ein Abschluss, der als
ein ›heilsgeschichtlicher‹ verstanden werden kann. Wer aufwärts oder abwärts die
volle ›Runde‹ durch die Bibliothek absolviert, der hat den vollen Umfang dessen
durchmessen, was es an Wahrheiten, Fiktionen und Nonsens zu wissen gibt und lebt
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien