Page - 190 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Image of the Page - 190 -
Text of the Page - 190 -
190 | Dinge – Nutzer – Netze
damit in einem vollständig aktualisierten Universum. Wäre die Bibliothek hingegen
endlos in eine Richtung ausgedehnt, so würde der ewige Pilger für immer einem Ab-
schluss nachjagen, der niemals eintreten wird und wäre damit bis in alle Ewigkeit in
Virtualitäten befangen.
Die Universalbibliothek ist also in erster Linie ein Gedankenspiel, das unser Ver-
hältnis zur Schrift und das Verhältnis der Schrift zu unserer Existenz als Kulturwesen
exploriert. Nach Hannah Arendt ist das Schreiben eine jener produktiven Tätigkeiten,
in denen wir erstens unser Dasein behaupten (das bloße Vorliegen eines Textes weist
auf eine Autorschaft zurück, die ihn hervorgebracht haben muss) und zweitens den
Fortbestand unserer Erfahrungswelt über unsere eigene Existenz hinaus gewährleis-
ten (der Text ist qua seiner Autorschaft als sinnhafte Zusammenstellung von Infor-
mation ausgewiesen und adressiert damit einen Rezipienten). Borges hingegen kon-
frontiert uns mit der Tatsache, dass die probabilistischen Eigenschaften des Alpha-
bets, mittels dessen wir schreibend unser Dasein äußern, die Rollen von Autor und
Rezipient völlig unterlaufen oder gar vernichten. Das Schreiben erscheint weniger
als ein willentlicher und kreativer Akt der Sinnstiftung, sondern vielmehr als ein
›Würfeln‹ mit Variablen, das am Ende einen von Myriaden möglichen Texten aus
der virtuell im Code vorhandenen Universalbibliothek zum Vorschein bringt.
Ein vielleicht noch prägnanteres Bild für diesen statistischen Albtraum liefert ein
als infinite monkey theorem bekanntes Gedankenexperiment (vgl. Gibbons 2009: 1).
Dieses wurde wohl erstmals im Jahre 1913 vom französischen Mathematiker Émile
Borel ausformuliert, der das folgende Szenario ersann: Man stelle sich eine Million
Affen vor, die jeden Tag zehn Stunden lang auf eine Million Schreibmaschinen ein-
hämmern. Lässt man genügend solcher Affen-Arbeitstage verstreichen, dann gebietet
die statistische Wahrscheinlichkeit, dass die Primaten irgendwann exakte Kopien al-
ler Bücher in allen Bibliotheken der Welt produziert haben werden. Oder genauer:
Während natürlich an jedem einzelnen Tag die Chance für die Entstehung jedes in-
dividuellen Buches verschwindend gering ist und die zum Abschluss des Vorhabens
notwendige Anzahl von Tagen enorm hoch sein dürfte (möglicherweise ein Vielfa-
ches der zu erwartenden Lebenszeit des physikalischen Kosmos), übersteige doch die
Wahrscheinlichkeit eines letztendlichen Erfolges der Affen jene einer Verletzung der
Gesetze der statistischen Mechanik und eines völligen Ausbleibens der Texte (vgl.
Borel 1913: 194f.; vgl. Gibbons 2009: 1).3
Wenn Affen grundsätzlich imstande sind, jeden Text der Weltliteratur zu produ-
zieren ohne dabei die Bedeutung der Worte überhaupt zu erfassen, dann erscheinen
3 Angemerkt sei, dass 2003 von der University of Plymouth ein Feldversuch im Affenhaus
des Paignton Zoo im englischen Devon durchgeführt wurde, bei dem sechs indonesische
Schopfaffen Zugriff auf eine Computertastatur erhielten. In einem ganzen Monat produ-
zierten die Affen lediglich fünf Seiten sinnlosen Textes und nutzten die Tastatur wiederholt
als Toilette (vgl. http://news.bbc.co.uk/2/hi/3013959.stm, vom 15.05.2018).
back to the
book Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen"
Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien