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196 | Dinge – Nutzer – Netze
4.2 NAHES UND FERNES WISSEN
Zum Glück jedoch folgt das WWW nur örtlich begrenzt der Logik der inventarisier-
ten Bibliothek, deren Bände miteinander unverbunden sind. Weil ihre Einzelele-
mente miteinander verwoben sind, lassen sich in Hypertexten nicht nur die Textfrag-
mente selbst als Ansammlungen von Codezeichen vermessen. Auch die zwischen
ihnen bestehenden Verstrebungen lassen sich unter bestimmten Bedingungen auf ihre
respektive ›Nähe‹ und ›Distanz‹ hin untersuchen. Stellen wir uns z.B. idealisiert ein
virtuelles Museum vor, das eine Anzahl von digitalisierten Werken der abendländi-
schen Kunst ausstellt. Die Sammlung sei um unseres Beispiels willen ein Querschnitt
von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert. Organisiert sei dieses Museum als ein
relativ konventioneller Hypertext, der jedem Ausstellungsstück genau eine Webseite
widmet, welche Abbildungen, beschreibenden Text, vielleicht Videos und Tonmate-
rial zum Exponat enthält. Jede dieser Webseiten wäre also ein digitales Objekt im
Sinne Yuk Huis.
Stellen wir uns nun weiter vor, diese einzelnen Webseiten wären untereinander
verlinkt. Dies könnte auf verschiedene Arten geschehen, die es alle erforderlich ma-
chen, bestimmte diskrete Zeichen aus dem digitalen Gesamtobjekt hervorzuheben.
So könnten z.B. ganz nach dem Wikipedia-Prinzip Worte im Beschreibungstext mar-
kiert werden, die direkt zu anderen Objekten oder Inventarseiten weiterleiten. Klickte
man z.B. im Beschreibungstext eines Gemäldes auf den Namen eines anderen Ge-
mäldes desselben Malers, würde man direkt zu diesem Werk weitergeleitet. Klickt
man hingegen auf den Namen des Malers, würde man womöglich zu einer Über-
sichtsseite mit dessen Werken in chronologischer Reihenfolge gelangen. Ein Klick
auf Begriffe wie ›Porträtkunst‹, ›Landschaftsmalerei‹, ›Kubismus‹ oder ›18. Jahrhun-
dert‹ würde andere solche Überblicksseiten öffnen und somit eine assoziative Er-
schließung der Sammlung ganz im Sinne Vannevar Bushs ermöglichen − freilich mit
dem Abstrich, dass die trails of interest hier nicht vom Nutzer erst geschlagen und
ausgetrampelt werden müssten, sondern als virtuelles Straßennetz bereits vorhanden
wären.
Auch auf Bildebene wäre eine solche Verlinkung durchaus denkbar − hier wäre
es dann nötig, innerhalb der Abbildungen (den Ideen der Bense᾿schen Informations-
ästhetik folgend) diskrete Zeichen zu definieren und diese zueinander ins hypertex-
tuelle Verhältnis zu setzen. So könnte z.B. die Auswahl eines Schädels oder einer
Laute in einem Gemälde der altniederländischen Malerei zu Werken der selben Epo-
che weiterleiten, die das gleiche Symbol aufweisen, oder der Klick auf ein Christus-
motiv epochenübergreifend Werke abrufen, welche die christliche Heilerzählung the-
matisieren. In diesem hypothetischen − von tatsächlich existierenden Angeboten aber
durchaus nicht weit entfernten − virtuellen Museum ließe sich natürlich ganz leicht
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien