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Das Museum von Babel? | 207
Voraus konstruierten und immer auch eigenartigen Dateistrukturen. Aber bei Regalflächen,
auch wenn sie den Wissensraum seltsam verzerren, ist zumindest einfach zu sehen, ob sie voll
oder leer sind. (Ebd.)
Das Heimtückische an der Assoziation im näherungsweise Absoluten ist also, dass ‒
ganz ähnlich wie die Textsuche in Langfords Net of Babel immer zum Erfolg führen
wird ‒ uns die Assoziation in einem ausreichend großen und vernetzten Hypertext-
system letztlich fast immer in irgendeiner Form zum nächsten Textsegment führen
wird. Ein schwarzer Bildschirm, der uns sagt ›Du, Nutzer, hast die Grenze sinnvoller
Assoziierbarkeit erreicht, ab hier gibt es nichts mehr zu lernen‹ ist in der Konzeption
des Webs nicht vorgesehen. Während die Bibliothek von Babel irgendwann durch-
schaut und der Umstand, dass ein Text in überhaupt keinem kulturellen Bezug zur
Außenwelt steht, als Normalzustand erkannt wird, lädt das Netz uns immer wieder
zum abduktiven Trugschluss ein: Die statistische Kontingenz der Zugriffsmuster er-
zeugt eine kulturell-narrative Kontingenz der Sinnzusammenhänge, aber diese ent-
steht selbst nicht in der Domäne des Kulturellen. Bevor unsere kulturellen Schemata
das digitale Objekt nach Hui aus den Relationen zwischen digitalen Informationspar-
tikeln entstehen lassen können, nehmen solche Navigationswerkzeuge die gemittel-
ten Mechanismen unserer kollektiven Kognition vorweg und präsentieren uns das,
was sie als wahrscheinlich kommensurabel für uns identifiziert haben.
Die Vorstellung vom völlig emergenten und gänzlich situativ um unsere eigenen
Interessenspfade herum entstehenden Cyberspace ist, wie 2012 der weißrussische
Publizist Evgeny Morozov feststellt, in erster Linie Leitbild und frommer Wunsch
der Advokaten einer emanzipatorischen Netzkultur, die möglicherweise längst tech-
nisch unmöglich geworden ist. Morozov sieht darin keinen Sieg des Flaneur-Para-
digmas über jenes des kritischen Detektivs ‒ sein Text The Death of the Cyberflâneur
sieht den Flaneur (offensichtlich) vielmehr als das erste und bedeutendste Opfer eines
nach statistisch ausgewertetem Massenverhalten geordneten Webs (vgl. Morozov
2012).
Der Flaneur nämlich, so Morozov, ist originär eine Figur, die sich zwar mit großer
Selbstverständlichkeit in der Masse bewegt, sich aber zu keiner Zeit von ihr verein-
nahmen lässt. Sein Begriff vom Flaneur im Datenraum ist also sehr viel näher jenem
Lev Manovichs verbunden als jenem Roberto Simanowskis. Der Flaneur nach Moro-
zov zeichnet sich dadurch aus, dass er zwar gern durch die Einkaufsstraße tändelt,
niemals jedoch der Versuchung des unreflektierten Konsums erliegt. Der Flaneur im
Baudelaire᾿schen Sinne wolle am städtischen Leben nicht funktional teilnehmen,
sondern schauen, beobachten, verinnerlichen und ‒ selbstverständlich ‒ darüber er-
zählen und schreiben. Die Stadt war für ihn also eher Anschauungs- als Handlungs-
raum. Der Flaneur sei daher immer Kulturkritiker ‒ allerdings einer, der sich nicht
etwa vom Feldherrenhügel einer wie auch immer definierten Hochkultur herab äu-
ßert, sondern aus dem kulturellen Milieu der Straße heraus über die Straße und die
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien