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sich in seiner Dissertationsschrift mit der Mediengeschichte des Germanischen Nati-
onalmuseums befasst, weist in diesem Zusammenhang auf eine interessante Tatsache
hin: Die Koevolution von Hypertext und Museum lässt sich tatsächlich bis in die
Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen, und die Brücke zwischen den beiden
Wissensformen ist die Fotografie.
Tschirner macht dabei den Liegnitzer Freiherrn Alexander von Minutoli als einen
entscheidenden Pionier aus: Um 1845 legte dieser eine umfangreiche Sammlung his-
torischen Kunsthandwerks an, die als ein Musterrepertorium für das fertigende Ge-
werbe dienen sollte. Um seiner Sammlung in dieser Funktion zu größerer Reichweite
zu verhelfen, ließ von Minutoli ab etwa 1847 Daguerreotypien seiner Schaustücke
anfertigen und diese an Gewerbeverbände verschicken, ab 1854 kamen Papierfotos
hinzu, die auch mit großem Erfolg in Bildbänden publiziert wurden (ebd.: 10 f.).
Obwohl das Wiener Museum für Kunst und Industrie erst 1864 als erstes euro-
päisches Museum ein eigenes Foto-Atelier einrichten sollte, bemühte sich das 1852
eröffnete GNM unter seinem Gründer Hans von Aufseß bereits ca. 1855 um die Ein-
richtung einer sogenannten Photographischen Anstalt, die sich in den Jahren 1859/60
sowie zwischen 1862 und 1867 in aktivem Betrieb befand (vgl. ebd.: 12). Das GNM
wird von Tschirner als besonders interessant eingeschätzt, da es als Idealtypus eines
kulturhistorischen Museums vom in Kunstmuseen des 19. Jahrhunderts üblichen
Selbstbegrenzungsparadigma abweicht und den Anspruch formuliert, eine möglichst
universelle und abgeschlossene Zusammenstellung des deutschen Kulturerbes zu
präsentieren. Weil aber ‒ wie Malraux ja so plastisch schildert ‒ jede Sammlung im-
mer auch das Ergebnis von Zufällen ist und ein individuelles Originalobjekt sich
nicht an zwei Orten zugleich befinden kann, wird die Reproduktion zu einem not-
wendigen Behelf, um eine solche Universaldarstellung auch nur Ansatzweise leisten
zu können (vgl. ebd.: 14f.). In fotografischer Abbildung können Objekte vorhanden
sein, ohne sich physisch im Raum zu befinden. Auch mit analogen Fotografien lässt
sich also durchaus virtuell ausstellen. Johannes Müller, erster Sekretär des GNM, er-
klärte 1855 die »Gesammtrepräsentation in effige« (ebd.: 82) zum Daseinsgrund des
Museums und stellte damit die herkömmliche und bis heute überwiegend maßgebli-
che Museumsphilosophie auf den Kopf, welche Echtheit und Anmutungsqualität der
Sammlungsgegenstände über eine ohnehin nicht zu erreichende Abgeschlossenheit
der Darstellung erhob. Mit der Fotografie verband sich, so Tschirner weiter, in be-
sonderem Maße eine Utopie von annähernd idealer und verlustfreier Reproduktion,
sie war allerdings nur die Leittechnologie unter einer Anzahl von Nachbildungsver-
fahren, zu denen u.a. auch klassische Gipsabgüsse oder Galvanoplastiken zählten
(vgl. ebd.: 82f.).
Das Universalmuseum, wie es das GNM als Sammlungsfernziel anstrebte, hat der
Laßwitz᾿schen und Borges᾿schen Universalbibliothek gegenüber einen entscheiden-
den Vorteil: Während der schriftliche Code dem kulturellen Inhalt vorausgeht und in
ihm aus diesem Grunde eine astronomische Anzahl von Texten vorhanden sind, die
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien