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Das Museum von Babel? | 223
tionen noch weitgehend als gleichwertig und erkennt bei ihnen allen ein ausgewoge-
nes Für und Wider. Eine Museums-Webseite, so befürchtet sie, erreiche zwar für ei-
nen überschaubaren finanziellen Aufwand ein relativ großes Publikum, erfordere
aber auch laufend intensive Betreuung, weil sich die Standards und Ansprüche an
Web-Angebote laufend ändern. Vor allem aber gebe das Museum mit der Öffnung
zum Internet die Kontrolle über die Abbildungen seiner Ausstellungsobjekte und da-
mit seine Deutungshoheit preis. Computerterminals in den Ausstellungsräumen
selbst ermöglichten hingegen eine Individualisierung und inhaltliche Ausweitung der
Besuchererfahrung unter kontrollierten Bedingungen, deren einzige Schattenseite
hohe Anschaffungskosten seien. Ein solches Terminalsystem nämlich müsse für je-
des Museum gesondert entwickelt werden, und weil jedes Terminal stets immer nur
von einem Besucher genutzt werden kann, benötige man eine entsprechend hohe An-
zahl, um Wartezeiten kurz zu halten. CD-ROMs hätten dagegen den großen Vorteil,
monetarisierbar zu sein und Mobilität mit kuratorischer Kontrolle zu verbinden. Eine
CD, für die Besucher tatsächlich Geld auszugeben bereit seien, müsse jedoch ausge-
sprochen gut produziert sein und eine Menge Inhalt anzubieten haben. Dies mache
es unwahrscheinlich, dass eine solche CD-ROM ihre Produktionskosten wieder ein-
spielt ‒ und zwinge Museen zugleich dazu, Verbindlichkeiten mit Verlagen einzuge-
hen, weil sie meist selbst meist nicht über die Voraussetzungen zur Produktion sol-
cher Software verfügten (vgl. ebd.: 52ff.).
Das WWW sollte nicht einmal ein Jahrzehnt benötigen, um sich zum dominanten
digitalen Kommunikationskanal für Museen zu entwickeln. Die typische Museums-
CD-ROM sei, wie der Kurator Jay Levenson schon zeitgleich mit Keene feststellte,
in ihrem Aufbau ohnehin nie strukturell verschieden gewesen vom gedruckten Aus-
stellungskatalog, und entbehre dabei dessen bibliophiler Anmut (vgl. Levenson 1998:
96f.). Darüber hinaus ist auch in Zeiten von DVDs und Bluray-Discs der Speicher-
platz eines physischen Datenträgers stark beschränkt gegenüber der Datenmenge, die
über das Internet schnell und einfach an die Zielgruppe gebracht werden kann ‒ und
während der Silberling im Museumsshop nur jene Menschen zu erreichen vermag,
die ohnehin schon den Weg ins Museum gefunden haben, lassen sich über die Online-
Präsenz auch jene ansprechen, die bis dato noch nicht zum Besucher geworden sind.
Das Computerpult im Ausstellungsraum auf der anderen Seite hat zwar seit den
1990er Jahren einen soliden Platz in zahlreichen mehr oder minder ›modernen‹ Mu-
seumskonzepten erringen können, jedoch gerät jüngst auch diese Form musealen
Computereinsatzes unter Beschuss, und zwar durch jene Geräte, die Besucher heut-
zutage ohnehin mit ins Museum bringen ‒ Mobiltelefone und Tablet-Computer. Die
letzte Fallstudie im siebten Kapitel dieser Arbeit wird noch genauer ausführen, wie
solche Kompaktcomputer gerade im Begriff sind, den physischen Museumsraum mit
virtuellen Wissensräumen zu verknüpfen.
Für den Augenblick sei festgestellt: Der derzeitige und wohl auch zukünftige
Trend in der Museumsvirtualisierung läuft wie bei fast allen derzeit unsere soziale
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien