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Gelenkte Rhizome: Kulturelles Erbe und kulturelle Kybernetik | 229
Das bedeutet zugleich, dass das Rhizom Sinnbrüche verkraften und auffangen kann,
die dem Wurzelbuch seine Wahrheitsfähigkeit rauben würden. Erweist sich eine
Wurzel-Prämisse oder ein Stamm-Gedanke im Wurzelbuch als Irrtum, gerät aus der
Mode oder verliert schlicht aus irgendeinem Grunde die soziale Akzeptanz, dann
kann damit das Buch als Ganzes hinfällig werden. Der Tod der Wurzel zieht den des
ganzen Baumes nach sich. Das Rhizom hingegen soll als lebendiges Textsystem um
solche ›Löcher‹ herumwuchern, oder sie mit neuen Inhalten in Form neuer Bindun-
gen auffüllen (vgl. ebd.: 16f.). In Rhizomen könne es nach Deleuze und Guattari
keine eindeutigen Urheberschaften geben (die ja ihrerseits selbst ein ›Wurzel‹-Phä-
nomen wären), sondern nur Fluktuationen in den Verhältnissen zwischen Inhalten
und Sich-Mitteilenden.
Das Wurzelbuch entstehe außerdem immer innerhalb eines Paradigmas der Ko-
pie: Wurzelbücher zu schreiben ‒ und die Zitationskultur in der Wissenschaft führt
dies sehr plastisch vor Augen ‒ heißt zwingend, aus anderen Büchern abzuschreiben.
Wurzelbücher müssen in weiten Teilen als Reiterationen bereits bestehenden Wis-
sens angelegt werden und bauen insofern aufeinander auf: Jedes Wurzelbuch kann
seinerseits Wurzel von anderen werden. Entsprechend lässt sich der Zusammenhang
zwischen solchen Texten als eine Genealogie von Ideen beschreiben. Das Rhizom
soll dagegen keine solchen Gleichförmigkeiten aufweisen. Während Wurzelbücher
sich entlang von Ähnlichkeiten und über Generationen von Texten andauernde
Transformationserscheinungen in einen Stammbaum eingliedern lassen, ist die We-
sensart des Rhizoms Originalität und Alterität, die sich nicht im Verhältnis zu einer
ihr zeitlich vorangestellten Geschichte definieren, sondern aus den sich laufend ver-
ändernden Beziehungen zwischen Textfragmenten in der Gegenwart. Deleuze und
Guattari erkennen daher die entscheidende Darstellungsform für rhizomatische Sinn-
gefüge (ohne jede Bezugnahme auf Michel de Certeau) in einer Karte, die ständig
neu gezeichnet werden muss, die also mit dem Territorium wächst, das sie beschreibt
(vgl. ebd.: 20f.). Damit ist der Leser bei ihnen weder Flaneur noch Detektiv, sondern
Entdecker und Kartograph einer sich rasant verändernden Landschaft kultureller Äu-
ßerungen:
Fassen wir die wichtigsten Merkmale eines Rhizoms zusammen: im Unterschied zu den Bäu-
men und ihren Wurzeln verbindet das Rhizom einen beliebigen Punkt mit einem anderen; jede
seiner Linien verweist nicht zwangsläufig auf gleichartige Linien, sondern bringt sehr verschie-
dene Zeichensysteme ins Spiel und sogar nicht signifikante Zustände (états de non-signes). Das
Rhizom läßt sich weder auf das Eine noch das Viele zurückführen. [...] Eine Struktur ist durch
ein Ensemble von Punkten und Positionen definiert, durch binäre Relationen zwischen diesen
Punkten und biunivoke Relationen zwischen diesen Positionen; das Rhizom dagegen besteht
nur aus Linien: den Dimensionen der Segmentierungs- und Schichtungslinien, aber auch der
Maximaldimension der Flucht- und Deterritorialiserungslinie, auf der die Vielheit abfährt und
sich verwandelt. (Ebd.: 34)
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien