Web-Books
in the Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Medien
Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Page - 239 -
  • User
  • Version
    • full version
    • text only version
  • Language
    • Deutsch - German
    • English

Page - 239 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen

Image of the Page - 239 -

Image of the Page - 239 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen

Text of the Page - 239 -

Gelenkte Rhizome: Kulturelles Erbe und kulturelle Kybernetik | 239 das navigatorische Element und vor allem das Treffen von Entscheidungen über die Bewegung im Textraum. Beides findet natürlich auch im konventionellen Hypertext statt. Was Aarseth aber mit seinem Cybertext-Konzept bezwecken will, ist eine Ver- schiebung der Betrachtungsebene fort von Ergebnissen und hin zu Mitteln. Obwohl das gesamte Hypertext-Konzept von seinen Anfängen im Memex-Gedankenspiel bis zum WWW eng mit technischen Entwicklungen verbunden war, sieht er die Hyper- texttheorie befangen in der Frage, was gelesen wird, und nicht etwa, wovon abgelesen wird (vgl. ebd.: 3). Damit rückt er das Problem der konkreten Technizität des Medi- ums in den Brennpunkt des Interesses, und mit ihm das Dispositiv der Lesesituation. Aarseth vergleicht das Lesen klassischer literarischer Narrative mit dem Besuch einer Sportveranstaltung, oder dem Beobachten einer vorbeiziehenden Landschaft aus einem Zugfenster. Der Leser kann natürlich sehr intensiv vereinnahmt werden ‒ ergriffen oder gerührt sein, mitfiebern ‒ aber er bleibt auf eine rein voyeuristische Rolle beschränkt. Seine Teilhabe reicht nicht über seine emotionale Involviertheit hinaus und zugleich kann er sich in seinem Rezeptionsverhalten im Grunde nicht falsch betragen, so lange er nur dem gradlinigen Textfluss folgt. Er ist, in Aarseths Worten, »safe, but impotent« (ebd.: 4) ‒ zwar kann er den Text auf unzählige Arten interpretieren, reflektieren, über ihn nachdenken, ihn gutheißen oder ablehnen, aber keine dieser Reaktionen kann auch nur ansatzweise auf den Text in seiner medialen Beschaffenheit zurückwirken. Der Cybertextleser setze sich dagegen stets dem Ri- siko aus, am Text bzw. an den Modalitäten des Lesens zu scheitern. Er ist niemals ›sicher‹ und damit laut Aarseth auch gar kein ›Leser‹ im klassischen Sinne, sondern vielmehr ein Spieler. Im Cybertext stellt unsere nontriviale Arbeit gewissermaßen einen ›Einsatz‹ dar, mit dem wir auf eine positive Rezeptionserfahrung setzen. Diese ›Spielsituation‹ impliziert unweigerlich die Möglichkeit einer Niederlage und damit auch die des Verlustes unseres Einsatzes. Im Cybertext ringen wir, so fährt Aarseth fort, nicht nur um Vergnügen an einem Narrativ, sondern um Kontrolle über die kon- krete Erscheinungsform des Textes: Wir wollen nicht nur eine Geschichte erfahren, sondern unsere Geschichte bzw. eine Geschichte, die ohne uns gar nicht existieren könnte. Während sich beim Lesen klassischer linearer Texte das virtuelle Moment in der Interpretation durch den Leser manifestiert und der Hypertext eine zweite Virtu- alitätsebene in Form der Navigation einführt, erzeugen Cybertexte also eine dritte Schicht des Virtuellen in Form der Möglichkeit zur Intervention (vgl. ebd.: 4). Der Rezipient deutet nicht nur Individualtexte oder sucht Sinnpfade durch Text-Topolo- gien, sondern er wird selbst zum Architekten möglicherweise überaus kurzlebiger Bedeutungsgefüge. Die von Aarsetz beschriebene Möglichkeit des Scheiterns ergibt sich dann daraus, dass im Cybertext Rezeption und Autorschaft zusammenfallen und der sinnhafte Abschluss der Lesesituation eben nicht mehr durch eine vorgeschaltete Schreibsituation garantiert ist. Trotzdem entgeht der Cybertextrezipient dem Babel- Szenario, denn während die Bibliothekare der Universalbibliothek auf die Rolle einer
back to the  book Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen"
Dinge – Nutzer – Netze Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Title
Dinge – Nutzer – Netze
Subtitle
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
Author
Dennis Niewerth
Publisher
transcript Verlag
Date
2018
Language
German
License
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-8394-4232-6
Size
14.8 x 22.5 cm
Pages
428
Keywords
Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
Category
Medien
Web-Books
Library
Privacy
Imprint
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Dinge – Nutzer – Netze