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Gelenkte Rhizome: Kulturelles Erbe und kulturelle Kybernetik | 241
ständigem Wandel begriffen und technisch genau darauf ausgerichtet, diesen zu er-
möglichen, allerdings ändert die bloße Rezeption erst einmal rein gar nichts daran,
wie Webseiten beschaffen und miteinander verschaltet sind. Page Rank adressierte
als Dienstleistung 1999 zwar bereits den Endnutzer, stellte diesen aber nicht in den
Mittelpunkt seiner Datenerhebung. Auch die erste Version von Google blickte in ers-
ter Linie auf jene Netzakteure, die unzweifelhaft auf der Autorenseite standen. Zwar
konnte sie ihre Relevanzbewertung von Webseiten mittels unermüdlicher Webcraw-
ler dynamisch an sich verändernde Verlinkungskonstellationen anpassen, aber über
Wichtigkeit und Unwichtigkeit einzelner Angebote entschieden letztlich die Web-
master selbst, die sich über die Entscheidung zur Verlinkung oder Nichtverlinkung
Relevanz zusprechen oder vorenthalten konnten.
Der ›User‹ als Leser wurde erst mit Analytics-Diensten zum Referenzpunkt der
Kulturtechnologie Suchmaschine, und erst mit dieser Entwicklung beginnt das
WWW, im Sinne Aarseths, echte Cybertext-Züge aufzuweisen. Obwohl Aarseth
selbst seinen Betrachtungsschwerpunkt noch auf narrative Cybertexte setzt und sich
vor allem für Formen (nicht zwingend computergestützter) interaktiver Literatur in-
teressiert, bringt er entsprechende Überlegungen bereits in Anschlag. Cybertext ist
für ihn kein spezifisches literarisches Genre, sondern eine Organisationform für alle
nur denkbaren Arten von Information und eine mediale Kategorie, die sich nicht über
Inhalte, sondern über Funktionalität definiert (vgl. ebd.). Diese Funktionalität ist eben
die prozedurale Umstrukturierung des Textkörpers anhand von Rückkopplungs-
schleifen mit dem Leser (vgl. ebd.: 19). Dass diese Rückkopplungsschleifen im
WWW nicht das Web selbst um unsere Surfentscheidungen herum neu aufstellen,
sondern vielmehr Bestandteil von ›Navigator‹-Programmen sind und damit nicht am
eigentlichen Text, sondern innerhalb eines aufgesetzten Abruf-Interfaces arbeiten, tut
unserem Erleben dabei keinen Abbruch: Broad- und narrowcasting greifen zwar un-
mittelbar und notwendig ineinander, aber für den Nutzer von Suchmaschinen ver-
schwindet der Breit- weitgehend im Schmalfunk.
5.5 ALGORITHMISCHE AUTORSCHAFTEN
Daher werden wir auch allzu leicht blind für die Tatsache, dass hinter dem Ranking
von Suchergebnissen auf Google-Trefferseiten ebenso wenig eine natürliche Folge-
richtigkeit steht wie hinter den Kaufempfehlungen, die uns Amazon feilbietet. Aar-
seth stellt mit seiner Begrifflichkeit vom Cybertext zwar keinen vollendeten Tod des
Autors in Aussicht, wohl aber sein Aufgehen in einer cyborghaften »Literaturma-
schine«, in welcher der Computer kein passives Schreibwerkzeug ist, sondern ein
verinnerlichter Teil der Entstehung des Textes sowohl vor als auch in der Rezeption
(vgl. ebd.: 129ff.). Damit einher geht eben eine besondere Form der Aneignung durch
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien