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Gelenkte Rhizome: Kulturelles Erbe und kulturelle Kybernetik | 247
kulturelle Prozesse in Echtzeit beobachten und beschreiben lassen sollen ‒ und mit
diesem Umstand verbinden sich für ihn auch ganz neue Bilder von den Dispositiven
der Geisteswissenschaften und der Kulturvermittlung. Die Zukunft der humanities ist
seines Erachtens nicht der individuelle Forscher, der in einer Bibliothek über einzel-
nen Büchern oder in einem Museum über einzelnen Kulturgegenständen brütet. Statt-
dessen soll unser Verständnis davon, was unsere Kultur ist und wie sie funktioniert,
bald in riesigen Datenzentren produziert werden, die laufend ein unvorstellbar großes
Kommunikationsvolumen erfassen und auswerten. Der Geisteswissenschaftler der
Zukunft sitzt nach Manovichs Vorstellung in einer Kommandozentrale vor riesigen
Bildschirmen, auf welchen ständig sekundenaktuelle Visualisierungen von Entwick-
lungen innerhalb großer Datenmengen ablaufen, und er illustriert diese Vision mit
dem Foto einer Verkehrsüberwachungszentrale in Florida (vgl. ebd.: 3).
Dabei sind diese Ideen nicht vollkommen neu. Bereits recht früh in der zweiten
Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts entstand innerhalb der Geisteswissenschaften
ein Forschungszweig, der zunächst den Namen Humanities Computing trug und in
den 1990er Jahren zunehmend unter der Bezeichnung Digital Humanities firmieren
sollte. Als Initialzündung wird hier meist das Mitte der 1940er Jahre (und damit aber-
mals zeitgenössisch zu Vannevar Bush und André Malraux) vom italienischen Jesu-
itenpater Roberto Busa angestoßene Projekt genannt, einen vollständigen Index sämt-
licher Worte in den mittellateinischen Originaltexten des Thomas von Aquin anzule-
gen. Busa war offenbar nur allzu bewusst, dass dieses Vorhaben in rein menschlicher
Kopf- und Handarbeit kaum zu bewältigen sein würde, was ihn dazu veranlasste, sich
1949 um die Unterstützung des damaligen IBM-Geschäftsführers Thomas J. Watson
zu bemühen. Mit der Schützenhilfe des bereits seit 1911 in der Herstellung von Re-
chenmaschinen tätigen Konzerns wurde in den folgenden Jahren und Jahrzehnten das
gesamte zu erschließende Textvolumen auf Lochkarten übertragen, die sich anschlie-
ßend maschinell auswerten ließen. Der Index Thomisticus erschien ab 1974 zunächst
in gedruckter Form, bevor er 1992 erstmals digital auf CD-ROM veröffentlicht wurde
(vgl. Hockey 2004; vgl. Niewerth 2013: 4).
Die Institutionalisierung dieser Form statistischer Texterschließung mit maschi-
nellen Hilfsmitteln als legitimer disziplinärer Zugang der Geisteswissenschaften ge-
schah 1987 mit der Gründung der Text Encoding Initiative. Diese Interessengruppe
von Wissenschaftlern war geographisch wie fachlich gleichermaßen weit verstreut,
kommunizierte vorwiegend über Mailinglisten miteinander und hatte sich zunächst
ein wenig utopisch klingendes Ziel gesetzt: Es ging ihr darum, ein Standardformat
für die digitale Codierung von geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Texten
auszuarbeiten, das elektronische Forschungsressourcen für Wissenschaftler in den
entsprechenden Disziplinen leichter verfügbar werden lassen sollte. Die 1994 erst-
mals vorgestellten TEI Guidelines besitzen bis heute Gültigkeit (vgl. Text Encoding
Initiative 2014; vgl. Niewerth 2013: 4). Der Begriffswechsel vom Humanities Com-
puting zu den Digital Humanities, der zum Ende der 1990er Jahre einsetzte, war vor
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien