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Gelenkte Rhizome: Kulturelles Erbe und kulturelle Kybernetik | 249
die Darstellungsfunktion des Objektes und seiner Reproduktionen infrage zu stellen.
Auch die Wilde Semiose nach Aleida Assmann bricht nicht aus der Kulturwelt aus ‒
sie setzt ja gerade voraus, dass in den Dingen eine Lesbarkeit vermutet wird, eine
Verweisstruktur, die das Gesehene mit dem Gewussten verbindet (vgl. Assmann
1988: 240). In der digitalen Reproduktion hingegen verlassen die Dinge den culture
layer und werden nicht nur in etwas transformiert, was sie eben eigentlich nicht sind
(das gilt im strengen Sinne ja auch für die Fotografie), sondern in etwas, das für uns
ohne den strategischen Einsatz von Interfacetechnologien wie eben dem Computer-
bildschirm überhaupt nicht mehr als ein ›Etwas‹ zu erkennen ist.
Was sich in den Digital Humanities also andeutet und was Manovich mit den
Cultural Analytics aufgreifen und im großen Maßstab weiterdenken will, ist nicht nur
eine Erschließung neuer Analysemethoden für veränderte Arbeits- und Rezeptions-
situationen. Vielmehr wird hier ein fundamentaler Wandel im Wesen kultureller Ob-
jekte und Äußerungen thematisiert, welcher sich eben im Prozess der Digitalisierung
vollzieht und dessen Analyse in einen völlig neuen Kontext stellt: Kulturelle Phäno-
mene sind im Digitalen nicht länger nur interpretier-, sondern nunmehr auch quanti-
fizierbar, bzw. vielmehr noch: In ihrer Aufbereitung als digitaler Code sind sie bereits
quantifiziert, denn nur so können sie auf dem computer layer überhaupt gespeichert,
prozessiert und transcodiert werden. Ein Text ist nicht länger ›nur‹ eine sprachliche
Äußerung, die gelesen und verstanden werden kann, sondern repräsentiert eine genau
vermessbare Menge an Information, die sich wiederum statistisch beschreiben lässt.
Ein Gemälde ist nicht länger einfach Farbe auf Leinwand, die kulturell als eine An-
häufung von bedeutsamen Zeichen verstanden werden kann, sondern eine mathema-
tisch aufschlüsselbare Verteilung von Farbwerten über ein Raster. Kulturelle Ob-
jekte, die sich zuvor scheinbar nur qualitativ und sprachlich verhandeln ließen, kön-
nen nunmehr auch quantitativ und somit in Zahlen beschrieben und verarbeitet wer-
den ‒ und der Modus dieser Beschreibung ist die von Manovich geforderte zweck-
orientierte Visualisierung, die jeden beliebigen Aspekt der zugrundeliegenden Da-
tenmenge hervorheben und verbildlichen kann.
Dies eben ist der Verlust des ›Eigentlichen‹ in der Digitalisierung: Unter den
zahlreichen Arten, auf welche sich digitale Information visualisieren lässt, ist keine
besonders privilegiert. Eine Bilddatei der Mona Lisa als Mona Lisa in Form bunter
Pixel auf einen Bildschirm zu projizieren ist grundsätzlich keine ›richtigere‹ Form
ihrer Darstellung als jede andere. Insofern entstehen die trails of interest nicht nur im
Hypertext zwischen mehr oder weniger diskreten digitalen Objekten. Vielmehr sind
die digitalen Objekte Huis und die Attributobjekte Novaks selber Produkte strategi-
scher Visualisierung von Daten, die man sich auch ganz anders erschließen könnte.
Für virtuelle Museen bedeutet dies ganz konkret, dass sie ihre epistemische Archi-
tektur auf zwei Etagen entfalten müssen: auf dem culture und dem computer layer.
Soll so etwas wie museales Erleben im Web überhaupt möglich sein, dann müssen
erstens abstrakte digitale Daten auf eine Art und Weise auf dem Monitor visualisiert
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien