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werden, die sie als kulturelle Objekte erkennbar werden lässt (und in vielen Fällen
wird das heißen: als Abbildungen von physisch existierenden Dingen), und zweitens
diese digitalen Objekte auf eine Art zueinander in Beziehung gesetzt und mit einem
Abrufinterface versehen werden, das einen ähnlichen Kompromiss von didaktischer
Führung und navigatorischer Assoziierbarkeit ermöglicht, wie es der physische Mu-
seumsraum tut.
Lev Manovichs Hauptmotivation für die Konzeption der Cultural Analytics als
Alternative zu den Digital Humanities ist dabei seine Beobachtung, dass letztere im-
mer noch allzu befangen seien in klassischen, analogen Vorstellungen von Kultur,
und damit auch in praxis- und lebensfernen Expertendiskursen. Das offensichtlichste
Symptom dafür sieht er darin, dass existierende Analysesoftware für digitale Kultur-
güter diese vornehmlich über Meta-Daten erschließbar zu machen trachtet: Sie blickt,
so stellt Manovich fest, nicht in die eigentlichen Daten und auch nicht auf die Nut-
zungsmuster, in welche sie eingebunden sind, sondern auf ein die Daten umgebendes,
von Menschen katalogisiertes Verwaltungswissen. Insofern füge sie den bestehenden
Zugängen nur ein etwas schnelleres Abrufsystem hinzu (vgl. Manovich 2007: 6).
Darüber hinaus erschöpften sich abseits aller visionären Vorstellungen von einer
neuen Form der Kulturwissenschaft die tatsächlich Anwendungen der Digital Huma-
nities in der statistische Analyse von Texten ‒ und zwar vor allem von hochkulturel-
len Texten, deren Auswahl immer noch nach den bestehenden Vorurteilen und Rele-
vanzvorstellungen einer Wissenschaft stattfinde, die dem gedruckten Wort verhaftet
sei. Die Digital Humanities tun sich, so moniert Manovich, schwer mit all jenen di-
gitalen Datenformen, die keine Schriftsprache abbilden ‒ und mit der gesamten Fülle
kultureller Artikulationen, die überhaupt erst aus digital-vernetzter Kommunikation
heraus entstehen können (vgl. ebd.: 10). In anderen Worten: Die Digital Humanities
wollen klassische geisteswissenschaftliche Zugänge um digitale Erschließungsme-
thoden erweitern, deren Nutzen aber unweigerlich in die etablierte Domäne der Geis-
tes- und Kulturwissenschaften zurück münden muss, nämlich den culture layer. Pa-
radoxerweise entstehen neue kulturelle Artikulationsmöglichkeiten aber gerade dort,
wo kulturelle Kommunikation die Sphäre der Kultur verlässt und als digitaler Code
eben in alles transformierbar wird. In der Digitalität können kulturelle Praktiken ent-
stehen, welche den etablierten und didaktisch legitimierten Umgang mit Inhalten un-
terlaufen, gerade weil diese Inhalte als etwas anderes visualisiert, rezipiert und ge-
nutzt werden können, als das, was sie ›eigentlich‹ zu sein scheinen. Das mag nun
tatsächlich das Bild eines ›Museums von Babel‹ evozieren, und mit ihm die Dystopie
von der Beliebigkeit allen medial codierbaren Wissens. Laut Manovich ist dies je-
doch gerade nicht der Fall.
Denn während die Bibliothek von Babel das furchteinflößende Produkt einer Ak-
tualisierung all dessen ist, was ihr Codesystem virtuell-kombinatorisch hergibt, ist
das Web eben kein Produkt, sondern Prozess. Zwar sind kombinatorisches Compu-
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien