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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 255
Virtuelle Museen müssen also idealerweise Web-Architekturen ausbilden, die sie
von Auffind- und Ordnungssoftwares soweit abtrennen, dass sie ein Modicum an in-
haltlicher und pädagogischer Souveränität zu bewahren imstande sind. Zugleich aber
gilt es auch, zumindest so viel Anbindung an diese zu ermöglichen, dass ihre Auf-
findbarkeit gewährleistet ist – und damit ihre Fähigkeit, in der Aufmerksamkeitsöko-
nomie des Webs zu bestehen. Ist diese Voraussetzung nämlich nicht erfüllt, dann
steht infrage, inwiefern der finanzielle und personelle Aufwand für ein Digitalisie-
rungsprojekt überhaupt zu rechtfertigen wäre. Museen müssen also mediale Strate-
gien für den Umgang mit dem Web entwickeln, die beiderlei ermöglichen: einerseits
die Schaffung eines virtuellen ›Raumes‹, in dem sich kuratorische Autorschaft in der
Gestaltung von Webseiten ebenso manifestieren und mitteilen kann wie in der Topo-
logie ihrer Verlinkung untereinander, andererseits die Öffnung dieses Raumes hin zu
bestehenden Mechanismen, die über Relevanz, Marginalität und schlicht Sichtbarkeit
im Web entscheiden. Indes verstecken sich die neuen Akteurskonstellationen der Mu-
seumsvirtualisierung nicht nur in den Zugriffsmustern und Auswertungsalgorithmen
von Suchmaschinen. Sie treten auch ganz offen in Erscheinung: nämlich in den zahl-
losen Laien-Projekten ohne jede institutionelle Anbindung, die im Netz als ›virtuelle
Museen‹ auftreten.
Ende der 1990er Jahre betreuten Werner Schweibenz und James Andrews an der
Universität von Missouri das sogenannte Kress Study Collection Project, das im An-
satz die Schaffung eines imaginären Museums in bester Manier Malrauxs mit digita-
len Mitteln zum Ziel hatte. Dreh- und Angelpunkt dieser Unternehmung war die
Sammlung des 1955 verstorbenen amerikanischen Unternehmers Samuel H. Kress,
der zu Lebzeiten mehr als 3.000 italienische Kunstwerke angehäuft und diese ver-
schiedenen Museen vermacht hatte. Andrews᾿ und Schweibenz᾿ Projekt befasste sich
spezifisch mit einen Kernbestand von 224 Gemälden, die als für Museen ungeeignet
befunden worden und im Besitz der Kress Foundation verblieben waren. Diese den
Kress᾿schen Nachlass verwaltende Stiftung wiederum hatte die Gemälde auf Schau-
sammlungen an Universitäten in 19 amerikanischen Bundesstaaten und auf Puerto
Rico verteilt, die als Kress Collections bezeichnet wurden. Das Kress Study Collec-
tion Project sollte nun die Aufgabe haben, diese geographisch weit verteilte Samm-
lung virtuell wieder zusammenzuführen und in einer gemeinsamen Datenbank online
als Ganzes erfahrbar zu machen (vgl. Andrews u. Schweibenz 1998: 5f.).
Andrews und Schweibenz zeigten bei der Durchführung dieses Virtualisierungs-
vorhabens beeindruckt davon, wie niedrig die Zugangshürden für die Schaffung eines
musealen Webauftrittes tatsächlich sein können. Die Umsetzung des Kress-Projektes
gelang mit einer durchaus haushaltsüblichen Hard- und Softwareausstattung, verbun-
den mit der Arbeitskraft einiger engagierter Freiwilliger. Es zeigte daher gerade in
seiner Konfrontation musealer Inhalte mit der Funktionalität des WWW die Weite
der Diskrepanz zwischen der Offenheit des Netzes und der Abgeschlossenheit des
klassischen Museumsdispositivs auf. Diese enorme Zugänglichkeit auf technischer
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien