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Anschauungs- in einer Welt der Aktionsräume: Sie differieren von anderen, sie um-
gebenden sozialen Räumen also darin, dass sie die in ihnen enthaltenen Dinge als
Objekte der Betrachtung und damit auch der Bedeutung ausweisen ‒ im Gegensatz
zu Objekten der Nutzung und der Arbeit, wie sie unsere Alltagswelt belegen. Das
virtuelle Museum dagegen existiert in einem Milieu, in dem grundsätzlich alles In-
formation, alles also Nachricht ist. Entsprechend dürfen wir davon ausgehen, dass
das Netz uns immer etwas mitzuteilen hat. Dies ist in seiner assoziativ-navigierbaren
Verfasstheit bereits angelegt und wird verschärft durch die (den kulturellen Inhalten
selbst völlig indifferent gegenüberstehenden) Navigatoren, wie etwa den Suchma-
schinen. Das Erscheinen einer Seite von Google-Treffern auf einem Monitor ist ein
Abduktionsmoment par excellence, denn es garantiert dem User nicht nur, dass die
untenstehenden Seiten ihm etwas Verständliches zu kommunizieren haben, sondern
auch, dass dieser Inhalt in direktem Zusammenhang mit einer dem System gegenüber
geäußerten Interessenlage steht.
Damit geht es also abermals um den musealen Raum und die Möglichkeit oder
Unmöglichkeit, ihm im Cyberspace eine Entsprechung zu schaffen ‒ in Form einer
kommunikativen Situation, die eben nicht das komplette restliche Web mitbeinhaltet,
sondern Grenzen wahrt, in denen kuratorische Gemachtheit erkennbar und interpre-
tierbar ist, von wem sie auch immer ausgehen mag. Die Abduktion darf daher nicht
nur darin bestehen, dass dem Rezipienten klar ist, dass Kommunikation stattfindet,
sondern dass es innerhalb eines bestimmten Gefüges von Webseiten eine Vermitt-
lungsabsicht gibt, die sich zwar an ihn richtet und ihn zu ihrer Deutung ermutigt,
jedoch ausdrücklich keine Wunscherfüllung sein will. Die Idee des virtuellen Uni-
versalmuseums krankt letztlich daran, dass sie tatsächlich die Logik des Museums
jener des Archivs unterordnet. Nach Gottfried Korff ist neben der Natur der gesam-
melten Objekte der entscheidende Unterschied zwischen Museen und Archiven näm-
lich jener, dass das Archiv eine Vollständigkeit anstrebt, die vom Museum weder zu
bewerkstelligen noch seinem gesellschaftlichen Auftrag zuträglich wäre. Wie im ers-
ten Kapitel der Studie ja bereits dargestellt wurde, verortet Korff den Wert des Mu-
seums nicht in seiner Fähigkeit zur umfassenden Darstellung, sondern in seinem Ver-
mögen, zu ›schocken‹ ‒ und damit eben die historische Vorstellungskraft seiner Be-
sucher auf Arten anzuregen und herauszufordern, auf die sie außerhalb der Ausstel-
lungssituation nicht herausgefordert werden würde (vgl. Korff 2007: 120). Die vor-
liegende Studie hat verschiedene Ansätze vorgestellt, um den in der museologischen
Literatur ubiquitär diagnostizierten Bruch zwischen physischem und virtuellem Mu-
seum, der im Verlust des materiellen Originals besteht, ins Verhältnis zu setzen zu
einer meist übersehenen Kontinuität von Vernetzung, Navigation und Kontextabhän-
gigkeit, die das Museum und das Web in Geschichte und Gegenwart teilen. Mit Rück-
blick auf die bisherigen Ausführungen zur Geschichte des Museums und des Webs
drängt sich nun folgende Hypothese darüber auf, warum diese ominösen Parallelen
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien