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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 261
sieht hier eine Fetischisierung der Dinge durch die Kuratoren am Werk, welche an
die Besucher weitertradiert wird, und im Zuge dieser Fetischisierung kommt es seines
Erachtens zu einer Verwechslung von Medium und Nachricht: Wo das Museum sich
darauf kapriziert, über Originalgegenstände auratische Erfahrungen vermitteln zu
wollen, da sind die Exponate eben nicht länger Medium einer differenzierten und
womöglich gezielt desorientierenden Auseinandersetzung mit abstraktem Wissen,
sondern werden selbst zur Botschaft ‒ und zwar zu einer Botschaft, die sich unver-
handelbar auf das beschränkt, was im Augenblick der Konfrontation mit dem Gegen-
stand erlebt und empfunden wird (vgl. Tschirner 2011: 15). Die kuratorische Autor-
schaft macht sich so gewissermaßen selbst überflüssig, weil sie das Objekt zu etwas
erhebt, das ihrer nicht länger bedarf. Die komplexen Abhängigkeitsgefüge einer ku-
ratierten Ausstellung können eigenartigerweise Exponate entstehen lassen, die ge-
rade aus ihren musealen Bindungen heraus autonom erscheinen.
Tschirner sieht in Gottfried Korffs Begriff des ›Museumsdings‹ und seiner groß-
flächigen Verwendung in der deutschen Museumswissenschaft ein Symptom dieser
Art, Ausstellungsstücken gegenüber zu treten. Das Museumsding beziehe als Kon-
zept zwar die Medialität der Objekte durchaus ein, begreife diese aber vorrangig als
ein Vehikel für das emotional ergreifende Erleben von materieller Echtheit und Au-
thentizität ‒ womit das Korffsche Museumsbild sich logischerweise selbst untergra-
ben müsse. Tschirner setzt dem Museumsding daher seinen eigenen Begriff des »Me-
dienObjekts« (ebd.: 16) entgegen, mit dem er gerade das transformative Element des
Wechselspiels von Ding und Ausstellung greifbar machen möchte und das Muse-
umsexponat als eine Projektionsfläche für Kuratoren- und Rezipientendiskurse ins
Zentrum der Analyse stellt, gerade aber auch die von Reproduktionen gewährleistete
Präsenz des Objektes in der Außenwelt als konstitutiven Bestandteil seiner musealen
Existenz begreift. Bezeichnenderweise ist es für Tschirner dabei der Blick über die
konkrete Ausstellungssituation hinaus auf die medialen Bedingungen der Verwaltung
von Sammlungen und auf den Umgang mit Reproduktionen in der Alltagswelt, unter
dem diese inneren Widersprüche musealer Präsentationspraktiken erkennbar werden.
Wenn eine rigide, inszenatorische Ausstellungspraxis kulturelle Sinnmodule ent-
stehen lässt, welche die Bedingungen der Abduktion schon aus sich selbst heraus
erfüllen und nicht länger durchblicken lassen, wie sehr sie das Produkt von Darbie-
tungsmodalitäten sind, dann schafft sie entgegen aller Intuition womöglich auch ge-
rade die Voraussetzungen für eine Verwaltung kultureller Inhalte durch völlig kul-
turfremde Computersysteme. Sie definiert gewissermaßen a priori, welches die Kno-
tenpunkte im Netzwerk des Museums sind ‒ ohne deutlich werden zu lassen, dass die
Exponate tatsächlich ihrerseits abermals Netzwerk-Merkmale aufweisen, dass sie das
Produkt möglicher Deutungszugänge und Präsentationsmodalitäten sind, ja dass ihr
›inneres‹ Netz der Sinnzuschreibungen tatsächlich eng verwoben ist mit dem ›äuße-
ren‹ der Ausstellung. Die Mona Lisa ist nicht aus ihrer materiellen Wesensart als
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien