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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 273
6.3.2 Digitalisierung und Professionalisierung
Diese Suche nach einheitlichen Datenstandards zog Parry zufolge einen Problembe-
reich ins Rampenlicht, der seit der frühesten Geschichte des Museums als Bildungs-
einrichtung bestanden hat, jedoch vor der Einführung digitaler Technik und ihrer me-
dialen Eigenheiten in das museale Tagesgeschäft niemals als solcher wahrgenommen
worden war: Für die Verwaltung von Museumsdingen hatten die Institutionen, die
sich über ihre fachgerechte Betreuung legitimieren, niemals verbindliche Richtlinien
geschaffen. Den Mittelpunkt allen administrativen Umgangs mit Museumsdingen
bildeten in der angelsächsischen Welt seit dem 19. Jahrhundert vor allem zwei Arten
von Büchern: Auf der einen Seite standen große und im Gebrauch häufig regelrecht
fetischisierte Registerbände, in denen die vorhandenen Schaustücke ‒ dem Buchfor-
mat entsprechend ‒ in jener Reihenfolge verzeichnet wurden, in der sie in die Samm-
lung aufgenommen worden waren, versehen mit all jenen Daten, die vom jeweiligen
Haus als wichtig für den Gebrauch der Objekte in Ausstellungskontexten erachtet
wurden. Auf der anderen Seite standen die sogenannten day books, die von einzelnen
Kuratoren individuell geführt wurden und die teils Tage-, teils Notiz- und teils Log-
buch waren (vgl. ebd.: 102f.). Day books waren ein notwendiges Hilfsmittel, weil die
Registerbände aufgrund ihrer Anlage nach dem chronologischen Eintreffen der Ge-
genstände im Sammlungsbestand keine Ordnung aufwiesen, die in irgendeiner Form
der Konzeption von Ausstellungen entgegenkam. Ihre Funktion war vielmehr die
bloße Verzeichnung als eine Technik der Herstellung musealer Autorität: Ross Parry
beschreibt als das Fundament der gesellschaftlichen Geltung des Museums dessen
Fähigkeit, eine »kontrollierte Umwelt« (ebd.: 102) herzustellen ‒ und der erste Schritt
zur Herstellung dieser Kontrolle sei es logischerweise, Dinge rechtlich, institutionell
und epistemisch zu vereinnahmen, indem man sie schriftlich katalogisiert und somit
als Eigentum registriert. Im Experimentalsystem Museum ist ein solches Register
demnach das erste aller technischen Dinge und Voraussetzung dafür, dass es episte-
mische überhaupt geben kann. Day books übten hingegen eine Anzahl nachgeschal-
teter Funktionen aus. Vor allem enthielten sie verkürzte Listen von Objekten, die
tatsächlich im Bezug aufeinander für konkrete Ausstellungssituationen ausgewählt
oder in Erwägung gezogen wurden, stellten also (ganz nach dem Memex-Prinzip)
›Pfade des Interesses‹ durch die großen Kataloge dar. Day books waren aber auch
prozedural gedeihende Abbilder (und Bausteine) des gesamten Museumsbetriebes.
Notizen über individuelle Ausstellungsstücke konnten in ihnen ebenso abgelegt wer-
den wie z.B. Anmerkungen zu Arbeitsabläufen, dokumentarische Aufzeichnungen
zu prominenten Besuchern, Korrespondenzen der Kuratoren untereinander und mit
Personen außerhalb des Museums, usw. Solche Kladden waren hochgradig unsyste-
matisch angelegte Hilfsmittel zur Verwaltung und Präsentation der Sammlung, die
im Grunde nur für jene Kuratoren wirklich zu verstehen waren, die sie auch angelegt
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien