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könnte ein Datenbankeintrag z.B. erfassen, dass ein Gemälde ein Segelschiff, den
blauen Ozean und einen Leuchtturm zeigt, und eine Begriffssuche nach diesen Ge-
genständen der Darstellung würde zu entsprechenden Treffern führen. Was aber,
wenn man statt der reinen Gegenständlichkeit von Museumsdingen an ihrer Deu-
tungsebene, an ihrer kulturellen Symbolik, oder ihren Beziehungen zu anderen Ob-
jekten interessiert ist? Oder gar an ästhetischen Kategorien wie ihrem atmosphäri-
schen Wirken? Schon die Gegenstandsebene auf eine Art und Weise zu vereinheitli-
chen, die den Transfer von Datensätzen zwischen den Systemen unterschiedlicher
Museen (und damit als Fernziel ihre Zusammenführung in einer Meta-Datenbank)
erlauben würde, wäre eine große Herausforderung, die weitreichende Kooperation
zwischen den Einzelinstitutionen erfordern würde. Es fällt nicht schwer, sich auszu-
malen, wie ungleich komplizierter sich das Problem noch gestalten würde, wollte die
Datenbank z.B. erfassen, dass der Leuchtturm, das Meer und das Segelschiff Sym-
bole für menschliche Lebensgestaltung sein könnten, oder dass das Gemälde Gefühle
von Einsamkeit und Verlorenheit im Betrachter evoziert.
Das Problem ist hier nicht nur die Standardisierung der Formate, sondern viel-
mehr auch der Umstand, dass ›Fakten‹ als soziale Aktualitäten des Wissens ein Min-
destmaß an Verbindlichkeit aufweisen, Interpretationen als Virtualitäten einer Re-
zeptionssituation aber nicht. Die Abmessungen eines Gemäldes oder das Gewicht
einer Skulptur sind in den meisten Fällen keine streitbaren Größen und etwas, dass
jeder Dokumentar gleichermaßen in den Eigenschaftskatalog des Exponats aufneh-
men würde. Dagegen sind Bedeutungen und ästhetische Effekte auch für den Exper-
ten nicht nur eine ausgesprochene Ermessenangelegenheit, sondern auch hochgradig
davon abhängig, was und wie ein Museum insgesamt ausstellt. Eine Objekteigen-
schaft, die in der einen Ausstellung zentral ist, kann in der anderen völlig irrelevant
sein ‒ oder umgekehrt. In manchen Fällen mag ein Objekt in eine Ausstellung geraten
sein, in der eine überaus unwahrscheinliche Deutungsmöglichkeit zur Geltung
kommt, während viel offensichtlichere auf der Strecke bleiben. Überhaupt werden
wohl die allermeisten möglichen Bedeutungsebenen eines beliebigen Museumsdings
überhaupt niemals ›entdeckt‹ werden ‒ zu begrenzt ist die Anzahl der Ausstellungs-
kontexte, die es je durchlaufen wird. Seit den 1960er Jahren hatte die Digitalisierung
der Museumsinventare vor allem darin bestanden, bestehende Registerdaten zu digi-
talisieren. Inhaltliche Angaben waren Gegenstand von day books und lagen entspre-
chend nicht in einer Form vor, die man ohne weiteres in Felder in einer Software-
Maske hätte übertragen können. Wollten Museen inhaltliche oder gar interpretatori-
sche Aspekte in ihre Datenbanken aufnehmen, so müssten sie laut David Scott ihre
Sammlungen komplett neu erschließen (vgl. ebd.), was offensichtlich erstens je nach
Größe des Fundus eine kolossale Aufgabe sein kann, und zweitens nach wie vor nur
vereinzelte Schlaglichter auf die zahllosen möglichen Bedeutungen der Objekte wer-
fen würde. Die große Gefahr bei der Kategorisierung von Deutungen wäre, dass die
Kategorien letztlich nur für die eigene Perspektive und die eigenen Arbeitsabläufe
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien