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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 289
abgespeichert wurde. Indes steigt die Auflösung von Computerbildschirmen mit je-
der Gerätegeneration an, während ihre physische Oberfläche nur unterproportional
mitwächst ‒ was ganz praktisch bedeutet, dass dieselbe Bild- oder Videodatei mit
jedem neuen Monitor etwas kleiner erscheinen wird. Während sich aus dem Negativ
der analogen Fotografie grundsätzlich Fotos jeder Größe entwickeln lassen, kann die
digitale Bilddatei akkurat nur in genau jener Anzahl von Bildpunkten wiedergegeben
werden, deren Beschaffenheit sie beschreibt. Wird sie kleiner dargestellt, bleibt In-
formation unsichtbar, vergrößert man sie, erscheint das Bild ›verpixelt‹ ‒ was nichts
anderes heißt, als das nunmehr die Information für einen einzigen Bildpunkt über
mehrere Bildpunkte verteilt werden muss und einzelne Pixel somit ›vergrößert‹ er-
scheinen. Die digitale Abbildung ist also niemals langfristig zukunftsfähig, sie
›schrumpft‹ ab dem Augenblick ihrer Entstehung bereits im Verhältnis zu den Mög-
lichkeiten ihrer sich ständig entwickelnden technischen Wiedergabemöglichkeiten.
6.4.3 Authentisierung als mediale Strategie
David Bearman und Jennifer Trant, die gemeinsam das Beraterunternehmen Archives
& Museum Informatics betreiben und die jährliche Museums and the Web-Konferenz
ins Leben gerufen haben, machen hier die sehr interessante Feststellung, dass digitale
Objekte typischerweise in genau den funktionalen Bereichen die größten Authentizi-
tätsprobleme an den Tag legen, in denen sich auch ihre vielversprechendsten didak-
tischen Eigenarten entfalten. Digitale Objekte sind, so beobachten sie, immer »tied
to methods« (Bearman u. Trant 1998) der Aktualisierung. Sie sind nicht einfach in
dinghafter Art und Weise präsent, sondern darauf programmiert, sich im Zusammen-
spiel mit Software und Hardware auf eine bestimmte Art zu ›verhalten‹, und insofern
ist das digitale Objekt auf der Ebene des Interfaces, über das wir es erleben können,
immer eine automatisierte »performance« (ebd.). Diese Performance ist grundsätz-
lich verschieden von der Inszenierung von Exponaten in einer Ausstellung. Muse-
umsdinge (und auch ihre analogen Kopien) weisen in ihrer Materialität eine gewisse
Autonomie des Vorhandenseins auf, der Ausstellungspraktiken zwar aufgesetzt wer-
den können, aber nicht innewohnen. Das digitale Objekt hingegen ist für die Aktua-
lisierung in einer ganz bestimmten Konfiguration von Hardware und Programmen
gemacht. Für Bearman und Trant ergibt sich daraus ein ganz klarer Mehrwert: Das
digitale Objekt kann sich auf Arten ›verhalten‹, die weder ein materielles Objekt noch
ein analog verfasstes Mentefakt leisten könnten. Digitale Texte können von Sprach-
synthesizern ›gesprochen‹, digitale Partituren von simulierten Instrumenten ›ge-
spielt‹ werden. Solche Arten maschinell-virtueller Wiedergabe können dem Rezipi-
enten Interaktionsmöglichkeiten aufschließen, die ihm in der analogen Darbietung
Ein solcher Videofilter kann jedoch keine Details ins Bild bringen, die nicht in den Ur-
sprungsdaten schon vorhanden waren (vgl. Bates 2015).
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien