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nicht zur Verfügung stünden (vgl. ebd.). Das Fallstudienkapitel wird eine Anzahl von
Möglichkeiten aufzeigen, wie virtuelle Museen auf diese Art ein virtuelles ›Mehr‹
aus ihren Exponaten generieren können.
Dieses ›Mehr‹ steht indes speziell bei Digitalisaten physischer Gegenstände im
direkten Gegensatz zu ihrer ›authentischen‹ Darbietung. Digitalisierung nimmt also
musealen Objekten nicht nur etwas, sie fügt ihnen auch etwas anderes hinzu. Und
während das, was sie ihnen nimmt, immer dasselbe ist (nämlich ihre Materialität und
informationelle Komplexität), ist das, was sie ihnen hinzufügt, sehr stark davon ab-
hängig, für welchen Zweck bzw. für welche Form der Aktualisierung ein Digitalisat
geschaffen wird. Dessen Authentizität zu gewährleisten hieße daher idealerweise,
nicht nur seine Entstehungsumstände transparent zu halten, sondern auch die techni-
schen Bedingungen der Rezeptionssituation und das Regelwerk, nach dem digitale
Objekte sichtbar werden, klingen, agieren usw. (vgl. ebd.).
Darüber hinaus ist im Hinblick auf digitale Information die Frage nach der Au-
thentizität immer verbunden, nicht aber gleichbedeutend, mit jener nach »authenti-
cation«. Während Authentizität sich nämlich auf die Daten selbst, ihre innere Integ-
rität, ihre Herkunfts- und Änderungsdokumentation usw. bezieht, geht es bei der Au-
thentisierung in erster Linie um Zugriffsrechte bzw. darum, wer wann und unter wel-
chen Umständen etwas mit digitaler Information anstellen darf (vgl. ebd.). Auch dies
ist natürlich für virtuelle Museen, die im Netz einen musealen Anspruch geltend ma-
chen wollen, ein eminent wichtiges Problemfeld. Im physischen Museum ist aus der
Institution und ihrer personellen Praxis heraus bereits weitgehend abgesichert, dass
nur eine sehr kleine Gruppe ausgewiesener Experten in die Ausstellung eingreifen
kann ‒ um im Museum kuratieren zu dürfen, muss man (von hochgradig partizipativ
angelegten Einzelprojekten einmal abgesehen) als Kurator angestellt sein, und dies
wiederum setzt voraus, dass man einen entsprechenden Ausbildungshintergrund hat,
sich im Einstellungsverfahren gegen Mitbewerber durchsetzen konnte, usw. Maßt es
sich der Besucher an, Exponate anzufassen oder gar zu bewegen, wird das Museums-
dispositiv dieses Fehlverhalten bestrafen ‒ womöglich mit Hausverbot oder einer An-
zeige wegen Sachbeschädigung. Auch wenn dem Museumsbesucher nicht immer
klar sein kann, welche Individualperson für einen bestimmten Teil der Ausstellung
verantwortlich zeichnet, so wird ihm doch üblicherweise zumindest bewusst sein,
dass ausgebildete Fachleute die ihn umgebende Ausstellung nach ebenso sachbezüg-
lich wie pädagogisch legitimen Gesichtspunkten gestaltet haben.
Das physische Museum verfügt über Sicherheitskräfte und verschließbare Schau-
schränke, um seine Exponate vor den Händen des Publikums zu schützen. Virtuelle
Museen müssen ‒ und zwar zunächst einmal unabhängig davon, ob sie von etablier-
ten Museumsschaffenden oder von interessierten Laien betreut werden ‒ andere
Möglichkeiten finden, um eine klare Erkennbarkeit kuratorischer Handschriften zu
gewährleisten. Authentizität wird hier, so Bearman und Trant, unter praktischen Ge-
sichtspunkten gleichbedeutend mit »content assurance«, und ihre Voraussetzung ist
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien