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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 303
lichkeit eine gewichtige Rolle in der sozialen Kommunikation spielen. Dies ist na-
türlich kein Novum in unserem Gesellschafts- und Wirtschaftssystem. Für Automo-
bile gilt ja ganz ähnliches. Allerdings sind Computer eben nicht nur materielle Ge-
genstände, die in eine Semiotik des Konsums eingebunden werden können, sondern
auch Medientechnologien, die ihrerseits für die Erstellung, Übertragung und Rezep-
tion kultureller Inhalte eingesetzt werden. Der den Computer umgebende kulturelle
Bedeutungskonnex betrifft also immer auch all die Information, die mittels des Rech-
ners übertragen und rezipiert wird.
Die in Kapitel 6.1.1 dieser Studie festgestellte Tatsache, dass Museum und Web
sehr gegensätzlich mit ihrem jeweiligen Netzwerkparadigma umgehen, betrifft in
diesem Zusammenhang nicht nur ihre epistemischen (bzw. im Falle des Museums
auch didaktischen) Eigenarten, sondern auch ihre affektive Anmutung. Die Aura der
Museumsdinge und die Atmosphäre des musealen Raumes sind das Produkt einer
Geschiedenheit von der Außenwelt und einer Verbriefung von Authentizität durch
das Wirken eines auf Ab- und Ausschluss zielenden Ausstellungskonzeptes, das wie-
derum auf kuratorische Arbeit und damit die Autorität von Spezialisten zurückweist.
Das Web und die decks, mittels derer wir es aktualisieren, beziehen ihre Anmutungs-
qualitäten hingegen gerade aus einer kulturellen Programmatik der (zumindest
scheinbaren) Offenheit, der Zugänglichkeit, der Nichtabschließbarkeit und der Ver-
handelbarkeit von allem durch alle. Damit unterliegen die Erlebnisqualitäten von Mu-
seum und Web zugleich anderen Zeitlichkeiten. Das Museum will als kommemora-
tive Einrichtung die Vergangenheit ins Heute bringen, artikuliert sich also im Präsens
(und in der Präsenz) seiner Exponate über Sachverhalte, die grundsätzlich abge-
schlossen sind. Das ist das Virtuelle an ihm und jener Brückenschlag zwischen An-
und Abwesendem, den Pomian ins Zentrum seiner Charakterisierung der Institution
stellt. Das Web hingegen ist, wie Erik Meyer feststellt, ein Medium von extremer
Gegenwartsbezogenheit, und zwar sowohl im zeitlichen wie im räumlichen Sinne. Es
stelle uns ein permanentes und zunehmend ortsunabhängiges ›Dabeisein‹ und eine
Teilhabe am Weltgeschehen in Aussicht, die sich unmittelbar verbinde mit einem
dank digitaler Speichertechnik schier unbeschränkten Erinnerungspotential. Wir kön-
nen, so Meyer, mittels digitaler Kommunikation die Kommemoration schon in An-
griff nehmen, während sich die Geschichte noch ereignet (vgl. Meyer 2009: 196).
Abwesenheit ist in einer solchen Präsenzkultur schlicht nicht mehr vorgesehen.
6.5.2 Musealität zwischen Bildungsauftrag und Wunscherfüllung
Die paradoxe Situation virtueller Museen ist also die, dass sie zwar einerseits im-
stande sind, eine viel größere ›Öffentlichkeit‹ zu adressieren, als es jedes individu-
elle, ortgebundene physische Museum könnte ‒ andererseits diese Öffentlichkeit aber
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien