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304 | Dinge – Nutzer – Netze
in der Domäne des Privaten ›abholen‹ müssen. Damit stellen sie nicht nur die defini-
torischen Grenzen des Museumsbegriffs infrage, sondern auch den sozialen Ort der
Institution. Zur medialen Wesensart des Museumsdings gehört die Tatsache, dass
man es nicht aus der Ausstellung entfernen kann, ohne es seiner Sinnhaftigkeit zu
berauben. Damit geht einher, dass der Museumsbesucher meist nicht in der Lage sein
wird, die Exponate allein zu erleben. Das Erfahren einer Ausstellung ist immer ein
soziales: Selbst wenn die Besucher nicht miteinander reden, teilen sie sich doch einen
Raum und müssen einander allermindestens vor den Schaustücken Platz machen. Das
›possessive individual‹ Weinsteins und Krokers hat im physischen Museumdispositiv
keinen Platz, weil dieses ihm aus seiner ganzen Anlage heraus eben den Besitz der
Ausstellungsstücke unmöglich macht. Im virtuellen Museum hingegen kann das Ob-
jekt nicht nur in einer ›autistischen‹, hochindividualisierten Situation erlebt werden,
man ist außerdem auch Eigentümer der materiellen Infrastruktur seines Erscheinens.
Das Museumsding besitzt keine physische Autonomie mehr, sondern ist ein Funkti-
onsbündel innerhalb der technischen Anordnung von Computer und Bildschirm.
Zugleich arbeiten Suchmaschinen in die genau gegensätzliche Richtung: Hier
werden private Vorlieben einem Auswertungssystem offengelegt, das diese (angeb-
lich anonymisiert und entpersonalisiert) an die ›Öffentlichkeit‹ seiner Nutzer zurück-
kommuniziert, das also ständig das Individuum zur Masse ins Verhältnis setzt. Das
›besitzergreifende Individuum‹ wird hier gewissermaßen vom Subjekt zum Objekt:
Indem es sich als souveräner Akteur begreift, der sich Information aneignet, wird es
tatsächlich zu einem Ort innerhalb eines technosozialen Dispositivs gemacht, an dem
Technologien Privatheiten und Öffentlichkeiten neu verhandeln, an denen sie inhalt-
lich gar nicht teilnehmen können. Der Preis einer hochindividualisierten Rezeptions-
erfahrung im Web ist tatsächlich die Entprivatisierung von Interessen und Entschei-
dungen.
Indes ist auch das physische Museum ‒ in das, wie Eilean Hooper-Greenhill rich-
tigerweise feststellt, die Besucher immer den gesamten ›Rest ihres Lebens‹ mitneh-
men ‒ seit seiner Entstehung eine Schnittstelle zwischen privater und öffentlicher
Lebenswelt gewesen. Die Wurzel des modernen Museums ist die private Sammlung
‒ und der Museumsbesuch ist für uns meist im ›Privatleben‹ verortet, gehört er doch,
um bei den Begrifflichkeiten Michael Liebes zu bleiben, ins Dispositiv ›Freizeit‹.
Das Museum ist, so rekapituliert Friedrich Waidacher einen wiederkehrenden Befund
der Besucherforschung des 20. Jahrhunderts, für die meisten seiner Besucher keine
ausgewiesene Bildungseinrichtung, sondern eine Zerstreuung. Insofern steht das
klassische Museum weniger in Konkurrenz zu anderen Bildungsangeboten, als viel-
mehr zum Kino, zum Zoo oder zum Vergnügungspark (vgl. Waidacher 2000: 8) ‒
und das virtuelle womöglich zu all den anderen unterhaltsamen Dingen, die man mit
Computern (gerade auch im Web) anstellen kann. Beide stehen vor der doppelten
Herausforderung, sich erstens in diesem Wettbewerb behaupten und zweitens ‒ denn
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien