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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 305
das verlangt der sich mit der Institution verbindende Bildungsauftrag ‒ ihren Besu-
chern auch dann Wissen vermitteln zu müssen, wenn deren Interesse sich eigentlich
auf etwas ganz anderes richtet. Museen mediieren zwischen einem (zumindest ange-
nommenen) öffentlichen Interesse an Bildung und Kultivierung von Gesellschaften
und einem privaten an Unterhaltung und Erlebnissen. Insofern präsentiert sich die
Museumsvirtualisierung der Gegenwart fast als eine Invertierung jenes Verhältnisses
von Ausstellungsmachern und Publikum, aus dem im 17. Jahrhundert das Museum
überhaupt erst hervorgegangen ist. In den Kunst- und Naturalienkammern, die sich
in die ersten Museen verwandeln sollten, entschieden die Interessen und Weltbilder
privater Sammler über das, was Besucher sehen, lernen und erleben konnten. Im
World Wide Web sind es nunmehr die vermessbaren privaten Interessenkonnizes von
Nutzern, die darüber entscheiden, ob museale Angebote zur Sichtbarkeit gelangen
oder nicht ‒ und die darüber hinaus laufend ›Museen unserer selbst‹ um uns herum
bauen, die für niemanden außer uns selbst als Einzelperson überhaupt existieren.
David Anderson beobachtet unter dem Einfluss der Digitalisierung im Jahr 2000
einen Paradigmenwechsel in der Praxis der Kommunikation zwischen Museum und
Publikum, den er als einen Übergang vom »objektfokussierten (object focussed)«
zum »nutzerfokussierten (user focussed)« Museum beschreibt. Das klassische, phy-
sische Museum sei objektfokussiert und begreife das Museumsdispositiv als eine
Bank für Fachwissen und didaktische Expertise, die der Öffentlichkeit diametral ge-
genübersteht. Die Außenwände des Museums markieren die Grenze zwischen ›hier
drin‹ und ›da draußen‹, und museale Sagbarkeiten sollen in dieser Dispositivstruktur
nur in eine Richtung funktionieren, nämlich von innen nach außen. Das Museum soll
also sprechen, während das Publikum lauscht. Der letztlich nicht als spezifische Per-
son begriffene Besucher verlässt das Museum idealerweise in Wissen und Bewusst-
sein transformiert (vgl. Anderson 2000). Das nutzerfokussierte Museum begreife sich
hingegen als ein vernetztes, und zwar nicht nur innerlich, sondern auch nach außen:
Nutzerfokussierung bedeutet für Anderson, die Maskerade der inneren Abgeschlos-
senheit und Gegenweltlichkeit des Museums aufzugeben, um stattdessen die Rele-
vanz anderer gesellschaftlicher Systeme für das Museum und umgekehrt zu betonen
und zu erforschen:
In a user-focussed museum, the expertise of professional staff (such as curators) is only a small
part of – and dependent upon – the wider expertise of the whole community; the audience
therefore must be »in here« as well as »out there« if the institution is to develop successfully.
And in a user-focussed museum, there is a need for expertise of many kinds – for example,
about how people can learn, create, make meanings for themselves and enjoy, as well as about
objects. The user-focussed approach really does represent a very different philosophy of
knowledge, and its implications for museums are significant. (Ebd.)
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien