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308 | Dinge – Nutzer – Netze
emanzipatorischer Selbstreflexion ist vor allem ein Produkt der Museumspädagogik
der 1960er und 70er Jahre. Womöglich zielt Ascott hier tatsächlich auf das antike
Museion als Kolleg von Philosophen und Forschern, also als soziales Gefüge, ab. In
diese Richtung nämlich weist sein an die obigen Ausführungen anschließender Ent-
wurf dessen, was er Eingangs als das ›postmuseale Szenario‹ beschreibt: Das Mu-
seum solle nicht nur die Peripherie zu seiner Umwelt einreißen, wie es in Malrauxs
Imaginärem Museum in Aussicht gestellt wurde, sondern vielmehr auch jene zu Kör-
per und Bewusstsein des Menschen:
Ich will, daß mein neuronales Netzwerk durch Synapsen mit den künstlichen neuronalen Netz-
werken des Planeten verbunden ist. [...] Die Erkundung des menschlichen und des künstlichen
Geistes, die möglicherweise ohne die Vermittlung von visuellen Formen und Repräsentationen
vor sich gehen kann, scheint mir das Projekt der Kultur des 21. Jahrhunderts zu sein. (Ebd.)
Während Malraux mit dem Imaginären Museum das Ausbrechen von Bildern aus
dem Ausstellungsraum beschrieb, will Ascott eine Musealität, die überhaupt nicht
mehr über den Umweg des Visuellen funktioniert. Anstatt semiotische Brücken zwi-
schen An- und Abwesendem, Aktuellem und Virtuellem zu bauen, will Ascott den
direkten Umgang des Verstandes mit dem Abstrakten. Der Weg dorthin ist seiner
Ansicht nach »die Verbindung einer auf Technik und wissenschaftlichen Metaphern
basierenden Kunst mit einer geistigen und konzeptuellen Kunst« in einer Kultur, die
Ascott als »technoetisch« bezeichnet: »Jetzt geht es um begriffliche Strategien, um
Ideen und kognitives Verhalten, um die Entstehung eines neuen Bewusstseins«
(ebd.).
Mit der Idee, Medientechnik und menschliches Bewusstsein zu verkoppeln, steht
Ascott natürlich ganz und gar in der Tradition der Hypertexttheorie seit Vannevar
Bush und seinem Entwurf von Memex als maschineller Erweiterung des menschli-
chen Gehirns. Wo Bush aber eine technische Schnittstelle zwischen die kategorial
verschlagwortete Speicherfunktion der Bibliothek und die netzhafte menschliche
Kognition setzen wollte, stellt Ascott nun explizit das Museumsdispositiv in den Mit-
telpunkt, und mit ihm die Idee von Vernetzung nicht nur als Kulturtechnik, sondern
als Leitfigur einer neuen menschlichen Daseinsform. Das Museum, so Ascott, müsse
so sehr zu einem Abbild des menschlichen Geistes werden, dass es letztlich nicht
länger als mediale Anordnung verstanden werden könne, über die sich ein Kurato-
rium einem Publikum mitteilt. Vielmehr müsse sich das Museum zu einem aus seiner
inneren Struktur heraus »intelligenten« System entwickeln, das nicht mehr Mittel
oder Raum einer Kommunikation ist, sondern selbst kommuniziert. Ein Museum, das
seinem Besucher gegenüber mit dem Anspruch auftritt, ihn zu belehren oder gar zu
erziehen zu wollen, hat in diesem Zukunftsentwurf freilich keinen Platz mehr. Anstatt
unsere Wahrnehmung (perception) zu schulen, gelte es für das Museum nun, deren
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien