Page - 309 - in Dinge – Nutzer – Netze - Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
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Virtualisierung und Musealisierung: Skizze eines Spannungsfeldes | 309
veränderte mediale Voraussetzungen zu erlernen. Für Ascott nämlich ist die Vorstel-
lung einer Abtrennbarkeit menschlichen Lernens und Erlebens von Technologien
eine reaktionäre Fiktion, die an der Tatsache vorbeigeht, dass unser Bewusstsein und
unsere Wahrnehmung längst zutiefst technisiert sind (vgl. ebd.).
Entsprechend sieht er in unserer Interaktion mit Computern und ihren Steue-
rungsmechaniken auch nicht unsere Fremdbestimmung durch einen unserem eigenen
Urteilsvermögen übergeordneten Entscheidungsapparat, sondern vielmehr einen re-
ziproken Vorgang, in dem unser Denken mit diesen Mechanismen verschmilzt. Für
ihn ist dies keine gewaltsame Verzerrung unseres Bewusstseins, sondern der Erwerb
eines neuen Sinnes, den er als »cyberception« bezeichnet: Wir denken und erfahren
innerhalb der Netze, und zugleich denken die Netze in uns. Das Museum ist dement-
sprechend aus Ascotts Sicht auch gar keine Bildungsinstitution mehr, sondern viel-
mehr der Idealtypus einer Zusammenkunft von Menschen, Dingen und Konzepten in
einem Netzwerk, das eine Eigenintelligenz entwickelt:
Ich spreche über das Museum als ein Gehirn, das seine eigene assoziative Gedankenwelt ver-
körpert, als einen überaus sensiblen Kortex, den man eher einen Cyberkortex nennen sollte, als
ein kognitives Netz all der Ideen, Formen, Strukturen und Strategien, die im Zwischenraum,
durch das assoziative Denken, durch die Hyperlinks einer tiefreichenden Vermaschung erzeugt
werden und die jenen Bereich des Werdens zwischen dem Virtuellen und dem Realen begrün-
den, der unser globales Heim ist. (Ebd.)
Während Malraux das Imaginäre Museum noch als das betrachtete, was passiert,
wenn Reproduktionen auf einen menschlichen Verstand treffen, der zwischen ihnen
assoziative Linien zieht, bildet für Ascott das Netz aus Menschen, Objekten und
Technik selbst ein imaginierendes System. Das Museum der Zukunft ist daher seiner
Ansicht nach auch nicht länger ein Raum, in dem Objekte inszeniert werden, sondern
vielmehr ein Nicht-Ort, an dem Menschen und Kulturgüter virtuell kongregieren und
neue Ausdrucksformen und Bedeutungen entstehen lassen können. Dieses Museum
ist in der Diktion Ascotts ein »Museum der dritten Art«:
Die erste Art des Museums, in dem diejenigen, die die Zeit hatten, sich mit der Muse beschäf-
tigten, ist vorbei. Das Museum der zweiten Art, in dem die Materialität der Kunst und ihre
herrliche und unbeständige Gegenständlichkeit in ihr virtuelles Anderes überführt wird, kann
nicht funktionieren. Ich spreche vom Museum der dritten Art, in dem die intime Begegnung
des Geistes mit einem anderen Geist, des Kortex mit dem Hyperkortex, des Virtuellen mit dem
Wirklichen zu einer Interaktivität auf der Höhe des Geistes führt. (Ebd.)
Das Museum erster Art wäre demnach also der Musentempel der Antike, das Mu-
seum zweiter Art eben die moderne Institution Museum ‒ und während das Museum
erster Art schlicht nicht länger existiert, sei das zweite letztlich an seinem Anspruch
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien