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Besucher nur Anfahrtswege, Öffnungszeiten und Eintrittspreise mitteilt – und umge-
kehrt könnte eine Webseite, die weder von einem physischen Museum betrieben
wird, noch sich selbst als ein virtuelles bezeichnet, durchaus alle Eigenschaften auf-
weisen, die ein virtuelles Museum ausmachen.
Als Klassifizierungsbegriff taucht das virtuelle Museum bei Hein tatsächlich
überhaupt nicht auf. Stattdessen ordnet sie existierende kommemorative Angebote
im Web nach Trägerschaft und Funktionalität in fünf unterschiedliche Gruppen ein:
Die erste Gruppe bilden Internetportale, die bewusst als Hub-Seiten angelegt sind
und als thematisch ausgerichtete Wegweiser im Netz auftreten. Die zweite Gruppe
sind von physischen Einrichtungen der Geschichtskultur (eben Museen, Gedenkstät-
ten, Archiven usw.) betriebene Seiten serviceorientierter Art – Seiten also, die vor
allen Dingen über ihre Mutterinstitution informieren sollen. Die dritte Gruppe bilden
informationsorientierte, schwerpunktmäßig von privaten Interessengruppen betrie-
bene Seiten zu sehr spezifischen Themensetzungen. Die vierte Gruppe nach Hein
besteht aus journalistischen Online-Angeboten wie Zeitungs- und Zeitschriftenarti-
keln, beinhaltet aber auch E-Books. Die fünfte und letzte Gruppe bilden schließlich
Online-Enzyklopädien und Lexika (vgl. ebd.: 149).
Der größte Teil der virtuellen Museen wäre damit in der zweiten Kategorie, also
jener der informationsorientierten Angebote, beheimatet. Diese stellen, so Hein, in
den meisten Fällen einen Versuch ihrer Betreiber dar, sich den bestehenden Medien-
nutzungsgewohnheiten ihres Publikums anzunähern: Wer heutzutage ein bestimmtes
Interesse befriedigen wolle, der greife eben unweigerlich zunächst zum Computer
bzw. zur Internet-Suchmaschine – und genau hier müsse man ihn abholen (vgl. ebd.:
155). Darüber hinaus verbinde sich mit Internetauftritten die Hoffnung, ein jüngeres
Publikum erreichen zu können (vgl. ebd.: 152). Die Betreiber solcher Auftritte bilde-
ten im Netz das, was Hein als eine »Szene« (ebd.: 160) mit ausgesprochen losen
Vernetzungsstrukturen und sehr regem informellem Austausch bezeichnet. Für An-
gebote in öffentlicher Trägerschaft bestehe diese Szene als logische Fortsetzung von
längst bestehenden Seilschaften zwischen den Mitarbeitern von Gedenkstätten und
Bildungseinrichtungen. Privatleute hingegen fänden sich gerade über das Internet zu
kleinen Gruppen von Enthusiasten zusammen (vgl. ebd.: 159f.).
Diese überaus losen Strukturen von Angeboten und ihrem Personal machen es
schwierig, sinnvolle Beispiele für das Virtuell-Museale auszuwählen. Derzeit exis-
tiert schlicht kein virtuelles Äquivalent zum Louvre oder zum Museum of Modern
Art in jenem Sinne, dass man es als Prototyp für Inhalt und Format seiner Gattung
betrachten könnte. Der konvergenten, globalisierten und eben nicht abschließbaren
Natur virtueller Museen würde eine solche Dominanz einer Einzelinstitution auch
völlig zuwiderlaufen: Das Online-Portal MoOM (Museum of Online Museums) allein
verzeichnet augenblicklich über 170 selbstdeklarierte Online-Museen,1 die von der
1 http://coudal.com/moom/ vom 20.05.2018.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien