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zu haben scheinen. Damit ist es zunächst einmal ein Beispiel für sich langsam etab-
lierende Standards bei der Gestaltung virtueller Museumsangebote und wirft zugleich
die (augenblicklich wohl noch nicht übergreifend zu beantwortende) Frage auf, nach
welchen Größen eine Institution darüber entscheidet, eine eigene Plattform aufzu-
bauen oder sich an einer bereits existierenden zu beteiligen. Die Direktion des Städel
hat eine eigene gewählt und dabei eine durchkatalogisierte und verschlagwortete Da-
tenbank mit einem visuellen Netzwerk der Exponate verbunden, die auf sehr interes-
sante Weise den Zusammenhang von Verwaltungswissen und Ausstellungserleben
illustriert: Das Netz der Kunstobjekte ist ein von digitaler Technik erzeugtes Abbild
der katalogsmäßig erfassten Eigenschaften der Einzelobjekte im direkten Vergleich
zueinander. Es geht also um connectedness, wenngleich in hochfunktionalisierter
Form. Das digitale Städel inszeniert Museumsdinge ganz bewusst als konstitutive
Bausteine von Sinnzusammenhängen und macht die Pfade und Vernetzungen zwi-
schen den einzelnen Objekten selbst zu Exponaten, ohne dabei aber die gesamte
›Landkarte‹ der Sammlung offenzulegen. Der Besucher kann immer nur die unmit-
telbare ›Nachbarschaft‹ der Einzelobjekte überblicken. So versetzt ihn die Digitale
Sammlung in eine ganz ähnliche Situation, wie es das physische Museum tut – ohne
sich indes einer virtuellen Simulation spatialer Räume zu bedienen. Dabei wird ganz
bewusst eine Überflutung mit Textinformationen vermieden.
Die Digitale Sammlung ist in ihrem Aufbau grundsätzlich (noch) unflexibel: Die
Kategorisierungen der Objekte werden auf der Kuratorenseite vorgenommen, und die
Favoriten-Galerien können von den Nutzern untereinander nicht geteilt werden. In-
des stellt die bestehende Vermittlungsarchitektur eine Aussöhnung von Katalogprin-
zip und Netzwerkparadigma dar: Die Kategorien selbst werden zu Knotenpunkten
der Vernetzung gemacht, die visuelle Beschaffenheit des Interfaces transformiert mit
einfachen Mitteln das Archivarische ins Museale. Insofern haben wir es hier mit ei-
nem prototypischen virtuellen Museum nach Hoptman zu tun, welches connected-
ness ins Zentrum stellt und dabei zugleich das epistemische System des physischen
Museums von innen nach außen wendet: Während dort die Sinnbezüglichkeiten der
Objekte untereinander im sichtbaren Raum verborgen sind, werden sie hier tatsäch-
lich ausgestellt – während andererseits jedwede ›Räumlichkeit‹ nur eine empfundene
sein kann, die sich eben aus dem relationalen Miteinander der Objekte und den indi-
viduellen Zugängen der Nutzer ergibt. Sichtbares und Unsichtbares wechseln also die
Positionen.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien