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338 | Dinge – Nutzer – Netze
der Gestaltung ihrer Webseiten, ein verbindlicher Qualitätsstandard aber ist nicht er-
kennbar. Tatsächlich stellt man schon bei oberflächlichster Flanerie durch das Ange-
bot sehr zügig fest, dass viele der Ausstellungen offenbar nicht kontinuierlich betreut
werden. Als Beispiel sei hier die vom Ausstellungszentrum der Universität Montréal
im Jahre 2006 ausgearbeitete Ausstellung Echoes from the Past genannt, die sich mit
der vorkolonialen Geschichte Quebecs befasst.50 Die in Englisch und Französisch
verfügbare Ausstellung begreift ihren Gegenstand als »a story told by landscape«51
und erschließt ihn nach den Rubriken ›Konzepte‹ (der frühgeschichtlichen Historio-
graphie), ›Orte‹ (d.h., bedeutenden historischen Schauplätzen), ›Zeit‹ (im Sinne einer
Chronologie der Geschichte Quebecs), ›Worte‹ (im Sinne narrativer Überlieferung),
›Kunst‹, ›Kontakte‹ (zwischen Eingeborenen und Europäern), und ›Objekte‹ (die
wiederum nach Fundorten geordnet sind).52 Dabei steht Echoes from the Past sowohl
in einer Flash-Variante als auch ‒ ein Relikt aus Zeiten, in denen zahlreiche Nutzer
noch mittels 56k-Modems auf das Web zugriffen – in einer HTML-Version für lang-
samere Netzzugänge zur Verfügung. Der Nutzer, der fast ein Jahrzehnt nach ihrer
Entstehung auf die Ausstellung zugreift, wird indes nicht mit der Geschwindigkeit
seiner Internetverbindung zu kämpfen haben, sondern vielmehr (und dies gilt für die
Flash- ebenso wie für die HTML-Version) mit einem Webseiten-Design, dass auf
sehr viel kleinere und niedriger auflösende Monitore zugeschnitten ist als jene, die
heute den Standard darstellen. Abbildungen liegen mit Kantenlängen von unter 200
Pixeln vor, Schriften sind so klein, dass sie kaum zu lesen sind. Für den Text kann
hier die Zoomfunktion von Browsersoftwares helfen, Bilder verpixeln bei einer sol-
chen Vergrößerung indes unvermeidlich. Auch ist im Rückblick kaum mehr nachzu-
vollziehen, welchen Mehrwert die Architekten der Webseite 2006 der Flash-Fassung
zugeschrieben haben mögen. Ein Inhaltlicher kann es kaum gewesen sein, weil es in
ihrer Struktur und Funktionalität keinen Unterschied zur HTML-Seite gibt. Vielmehr
ist die Flash-Fassung mit einer Anzahl von audiovisuellen Stilblüten versehen: Kla-
viermusik spielt über der Startseite, ein animiertes Intro zeigt eine ebenfalls musika-
lisch unterlegte Collage von Bildmaterial, die kaum etwas über die Ausstellung ver-
rät, Schaltflächen werden mit einer Wellenanimation unterlegt, wenn man mit dem
Mauszeiger über sie fährt. Tatsächlich fehlen der Flash-Seite zahlreiche Funktionen,
die in HTML selbstverständlich wären: Text kann nicht mit der Maus markiert und
kopiert werden, Abbildungen lassen sich nicht per Rechtsklick auf dem eigenen
Rechner abspeichern. Fast elegisch mutet der in der Flash-Version vorgeschaltete
50 Vgl. http://www.virtualmuseum.ca/sgc-cms/expositions-exhibitions/echo/e_index.html
vom 01.10.2015.
51 http://www.virtualmuseum.ca/sgc-cms/exposition-exhibitions/echo/html/e-echos-01.html
vom 01.10.2015.
52 Vgl. ebd.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien