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Fallstudien | 339
Hinweis an, dass Nutzer von Windows 95 und 98 Probleme bei der Anzeige bestimm-
ter Sonderzeichen der französischen Sprache erleben könnten.
Das VMC ist also nicht nur ein virtuelles Museum der kanadischen Geschichte,
sondern auch ‒ wenngleich unfreiwillig – eines von Webseitendesigns der frühen und
mittleren 2000er Jahre und betreibt damit im allerwörtlichsten Sinne eine Museali-
sierung des Virtuellen. Mit dieser Feststellung ist hier durchaus keine spitzfindige
Herabwürdigung des VMC und dieses speziellen Nebeneffektes seiner Ausstellungs-
konzeption intendiert. Historische Prozesse sind immer auch Kommunikation, und
die Zeugnisse dieser Kommunikation werden zu Quellen, aus denen Geschichte ent-
steht. Insofern wird Geschichte natürlich auch im Web gemacht, und wir müssen uns
die Frage stellen, ob unsere Bestrebungen zum Erhalt unseres Kulturerbes nicht zu-
nehmend auch das Web miteinbeziehen müssen. Private Nonprofits wie das in San
Francisco ansässige Internet Archive (das uns im Unterkapitel 7.4 dieser Arbeit noch
näher beschäftigen wird) versuchen bereits jetzt, der dem Web eingeschriebenen Ver-
änderlichkeit und Vorläufigkeit mithilfe regelmäßiger ›Schnappschüsse‹ von Web-
seiten Herr zu werden und Kommunikation zu bewahren, die niemals für die Nach-
welt (und in vielen Fällen kaum über den Augenblick des kommunikativen Aktes
hinaus) gedacht war.
Die (hier freilich nicht im Sinne Ernst Blochs zu verstehende) Gleichzeitigkeit
des Ungleichzeitigen, die uns im VMC begegnet, birgt jedoch auch ganz spezifisch
die Selbstbeschreibung des Angebotes als ›virtuelles Museum‹ betreffende Implika-
tionen. Physische Museen beherbergen ja nicht nur historisches Material, sie sind
historisches Material und verhandeln dementsprechend nicht nur die Geschichte ihres
Ausstellungsgegenstandes, sondern immer auch ihre eigene als Institution und als
Haus. Insofern ist ein ausreichend altes Museum immer auch Palimpsest von Ver-
mittlungsidealen und Didaktiken, die nicht mehr akut gegenwärtige Ausstellungen
bestimmen, aber der Architektur, der Zusammensetzung von Sammlungen, der Ver-
waltung und dem Selbstverständnis der Einrichtung nach wie vor eingeschrieben
sind. Virtuelle Museen sind notwendigerweise junge Erscheinungen, die noch auf
keine lange Geschichte zurückblicken können – andererseits jedoch existieren sie in
einer medialen Umwelt, in der ›Veränderung‹, welcher Art auch immer, sehr schnell
vonstattengehen kann. Wenn es also um die Ablösung von Präsentations- und Ver-
waltungsstandards, die Neuevaluation von Ausstellungskonzepten, ja sogar grund-
sätzliche Umstellungen in Organisation und Philosophie kuratorischer Arbeit geht,
dann kann ein virtuelles Museum effektiv sehr viel mehr ›Geschichte‹ in relativ kur-
zen Zeiträumen durchmachen als ein physisches. Indes hat es jedoch kein materielles
Substrat, dem sich diese Geschichte einschreiben könnte. Wollten virtuelle Museen
sie erhalten, dann müssten sie die überholten Versionen ihrer selbst archivieren und
ggfs. ihren Nutzern zur Verfügung stellen. Dem Verfasser dieser Arbeit ist in mehr-
jährigen Recherchen über virtuelle Museen kein einziges begegnet, das sich auf diese
Art bewusst selbst zu vergeschichtlichen versuchen würde.
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Dinge – Nutzer – Netze
Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Title
- Dinge – Nutzer – Netze
- Subtitle
- Von der Virtualisierung des Musealen zur Musealisierung des Virtuellen
- Author
- Dennis Niewerth
- Publisher
- transcript Verlag
- Date
- 2018
- Language
- German
- License
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-8394-4232-6
- Size
- 14.8 x 22.5 cm
- Pages
- 428
- Keywords
- Virtualität, Kulturerbe, Digitalisierung, Neue Medien, Kulturmanagement, Museumswissenschaft, Digitale Medien, Mediengeschichte
- Category
- Medien